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Castingshows

Castingshows

Foto: © SAT.1/Richard Hübner
Castingshows Finn aus der ersten Staffel "The Voice Kids" (Foto: © SAT.1/Richard Hübner)

"Hi, ich bin Finn, bin 14 Jahre alt, komm aus Königsheim und geh in die neunte Klasse … Wäre schon cool, wenn ich auch so groß rauskommen würde wie Nick Howard." Tim hat lässig eine Gitarre in der Hand und berichtet, wie er in der Fußgängerzone bereits 700 Euro eingespielt hat. Ganz mutig wirkt auch Chelsea: "Ich fühle mich wie eine kleine Prinzessin. Ich heiße Chelsea, bin acht Jahre alt, geh in die dritte Klasse und komme aus der Schweiz. Singen macht mir einfach Spaß." Die zwölfjährige Sarah behauptet sogar: "Meine Klassenkameraden sagen immer, ich habe eine Powerstimme und bin powervoll und bin sozusagen eine Powerfrau …". So oder so ähnlich klingen die zusammengeschnitten Interviews, in denen man die Protagonisten des aktuellsten Casting-Formats von Sat.1 kennenlernen kann. 

Man erkennt schon beim ersten Blick auf "The Voice Kids", dass auch bei diesem so genannten Reality-Format redaktionell mit Kamera und Schnitt eingegriffen wurde. Aber: Authentisch muss es wirken, damit sich bei den Zuschauern ein hohes Identifikationspotenzial entfalten kann. Die redaktionellen Eingriffe wirken bei "The Voice Kids" kaum manipulierend – die Jury-Mitglieder gehen viel "kinderfreundlicher" mit den jungen Teilnehmern um als in vergleichbaren Shows. Lena Meyer-Landrut, Tim Bendzko sowie Rockmusiker Henning Wehland "schmeißen sich" – so wortwörtlich –  vor die kleinen Sängerinnen und Sänger, wenn ein Stück besonders gut geglückt ist. Beißende Kommentare eines Dieter Bohlen oder strenge Korrekturen wie die einer Heidi Klum kommen dagegen nicht vor.

Vermittlung fragwürdiger Wertevorstellungen

Am Freitag, den 5. April, wurde das neue Format auf Sat.1 gestartet, bei dem junge Talente zwischen acht und vierzehn Jahren gegeneinander um die Auszeichnung als beste Kinderstimme im deutschen Privatfernsehen wetteifern. Über Castingshows wie "Deutschland sucht den Superstar" ist bereits viel geschrieben und geforscht worden: die "beste Unterhaltungssendung 2008" laut dem Deutschen Fernsehpreis oder "entfesselte Schadenfreude, schmierig ausgewalzte Schicksale und zynisch ausgebeutete Emotionen" wie Fernsehkritiker Bernd Gäbler verlauten lässt. Zu den Kritikern zählen auch Medienpädagogen, die warnen, dass die Shows gesellschaftliche Werte vermitteln, die unter ethischen Aspekten fragwürdig sind: Egoismus, Sexismus, sowie übermäßiger Leistungsdruck. "Erziehung zum Gehorsam" ist laut Erziehungswissenschaftlerin Maya Götz eines der Lernziele von Castingshows.

Medienforscher warnt vor Teilnahme an Castingshows

Eltern sollten solche Bedenken ernst nehmen. Laut aktuellen Umfragen des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen wollen die Hälfte aller weiblichen Fans von Casting-Shows selber an einer solchen teilnehmen. Bei den Jungen ist es immerhin ein Drittel. Drei Viertel aller befragten Jugendlichen halten "die Teilnahme an einer Casting-Show im Fernsehen für die größte Chance im Leben". Medienforscher Bernd Schorb warnt allerdings Eltern eindringlich davor, Kinder an solchen Sendungen teilnehmen zu lassen. Zu hoch sei die Gefahr "bleibender Schäden". Für manch ehemaligen Kandidaten stellte die Teilnahme "eine psychische Überforderung [dar], die zum Teil zu jahrelanger Häme oder auch zu psychischer Krankheit" führte. Als Karrieresprungbrett dienten Castingshows hingegen nur in wenigen Ausnahmen.

Es darf davon ausgegangen werden, dass sich Kinder auch mit einem "seichteren" Format wie The Voice Kids hochgradig emotional auseinandersetzen und mit den Kandidaten identifizieren. Vom Konsum der Sendung in der Familie rät Bernd Schorb deswegen ab. Zu groß sei die Gefahr, dass Kinder das Gezeigte nicht richtig einordnen und der Wunsch, "sich zur Geltung zu bringen und auch öffentlich zu präsentieren", in falsche Bahnen gelenkt würde. Kinder würden laut Bernd Schorb in Castingshows "als mediale Objekte vermarktet" und es sei äußerst problematisch, wenn man Kinder diesem Mechanismus unkritisch aussetze.

"The Voice Kids" gemeinsam anschauen

Die Sendung schlicht weg zu verbieten, macht andererseits aber wenig Sinn. Es lässt sich vielfach nicht durchsetzen. Eltern sollten deswegen gemeinsam mit ihren Kindern "The Voice Kids" anschauen, um sich daraufhin über das Gezeigte unterhalten zu können.  Darüber hinaus sollten Eltern gemeinsam mit den Kindern die Sendung hinterfragen und Alternativen anbieten, die auf geeignetere Weise zum Beispiel ein musikalisches Talent der Kinder zur Geltung bringen. Das kann in privaten Gesangsschulen, in der Schule oder auch in der Familie stattfinden. Während der Sendezeit freitagabends attraktive Familien-Freizeit-Alternativen anzubieten, ist eine weitere Möglichkeit.

Für Lehrkräfte und Erziehende, die sich des Themas annehmen wollen, sind folgende Publikationen empfehlenswert:

Schein & Sein - Inszenierte Wirklichkeiten in Reality-TV & Web 2.0 - Eine Handreichung für den Unterricht: Modul 3 (Casting-Shows)

tv.profiler – Eine Unterrichtsstunde zu Germany’s next Topmodel

tv.profiler - Musik-Castingshows

Begleitendes Unterrichtsmaterial für Lehrerinnen und Lehrer zum Thema "Casting-Shows"

Elternratgeber "Medien aber sicher" (Landesmedienzentrum Baden-Württemberg)

Wer im Unterricht "Castingshows" thematisieren möchte, erhält bei der medienpädagogischen Beratungsstelle des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg tatkräftige Unterstützung: 

Tel: 0711- 2850-777
E-Mail: beratungsstelle@lmz-bw.de

Im Rahmen des Programms 101 Schulen kann speziell der Schüler-Workshop "Scripted Reality" angefragt werden, bei dem die Referenten auf die bekannten Castingshows intensiv eingehen.

Medienpädagogische Beratungsstelle

Wenn Sie weitere Fragen zum Thema "Castingshows" haben, rufen Sie die medienpädagogische Beratungsstelle an:
(0711) 2850-777
beratungsstelle@lmz-bw.de

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