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Interview mit Dr. Hans-Joachim Maaz

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Beziehungsfähigkeit Dr. Hans-Joachim Maaz gibt Eltern den Rat, ihre Kinder bei der Mediennutzung nie alleine zu lassen.

„Soziale Netzwerke fördern die narzisstische Problematik“

Der Psychoanalytiker Dr. Hans-Joachim Maaz hat sich ausführlich mit narzisstischen Störungen auseinandergesetzt. Für ihn dienen die Sozialen Netzwerke zur Kompensation einer narzisstischen Störung, die oft im Kindesalter entsteht. Anlässlich der Tagung „Am Puls des Ichs“ trafen wir uns mit Dr. Maaz im Haus der Katholischen Kirche Stuttgart. Wir sprachen mit dem Autor des Buches „Die narzisstische Gesellschaft“ über den Zusammenhang von Mediennutzung, Erziehung und Beziehungsfähigkeit.

Herr Maaz, mit den ganzen technischen Möglichkeiten heutzutage: wartet auf uns eine Generation selbstverliebter Narzissten?

Narzisstische Störungen lassen sich durch die modernen Medien viel leichter ausleben. Man kann sich darstellen, ohne in direkter Beziehung miteinander zu stehen oder sogar sich imaginäre Eigenschaften andichten. Dieses übertriebene oder falsche Darstellen erfährt dann keine Korrektur mehr. Dies fördert alles die narzisstische Problematik.

Wie wirkt sich das ständige Selbstdarstellen auf die betreffende Person aus?

Sie kann sich in der falschen oder vermeintlichen Darstellung ihres Selbst verlieren. Sie nimmt das virtuelle Selbst an und baut es Stück für Stück aus. Das ist die eigentliche Gefahr. Wer normalerweise von sich etwas Albernes oder Überzogenes sagt, bekommt darauf eine unmittelbare Reaktion. Dadurch wird man auf gesunde Weise beeinflusst. Ohne dieser Korrektur wächst dann die Fehleinschätzung beim Betroffenen.

Wer etwas auf Facebook postet, bekommt doch viel schneller eine Reaktion darauf als im realen Leben!

Die Sozialen Netzwerke sind nicht nur zu verteufeln. Sie bieten auch eine Chance für die Kommunikation.

Es kommt aber immer auf die Qualität der Kommunikation an,

z. B. wenn Sie eine Antwort bekommen, die einen Austausch anregt. Sie teilen also etwas mit, ein Bild oder einen Text und bekommen darauf eine Antwort, die sie anregt, bestätigt, die sie aber auch kritisch oder nachdenklich stimmt. Dann hat das natürlich seinen Wert. Wir stellen aber oft fest, dass es sich in den Sozialen Netzwerken um sinnentleerte Mitteilungen handelt, die nur als Selbstdarstellung oder als Gag zu verstehen sind. Die Ernsthaftigkeit und Echtheit geht dabei verloren. Ich will nicht sagen, dass man keinen Spaß haben soll. Wichtiger ist aber der Austausch oder die Reflektion über das Erleben.

 

Wie verändert sich bei einer narzisstischen Persönlichkeit die Beziehungsfähigkeit?

Die Person wird längerfristig beziehungslos.

Ein Mensch mit einer narzisstischen Störung hat ja ein Beziehungsproblem, weil er seiner selbst nicht sicher ist und Minderwertigkeitsgefühle hat.

Wenn so jemand Bilder und Mitteilungen von sich postet, ohne dabei auf Korrektur zu stoßen, dann besteht die Gefahr, dass er in sein falsches Bild hineinwächst. Damit wächst die Kluft zum realen Leben. Er lernt immer weniger mit den realen Beziehungen zurechtzukommen.

Was wäre für einen jungen Menschen, der sich Bestätigung über Soziale Netzwerke sucht, eine Gegenpol, um das wieder einzudämmen?

Ein wichtiger Gegenpol und die Grundlage des Lebens ist die unmittelbare menschliche Beziehung: der wirkliche Kontakt, der sprachliche Kontakt, der Blickkontakt, der Berührungskontakt und der Austausch. Da gehört Mimik dazu. Der Geruch gehört dazu. Beim menschlichen Austausch werden alle Sinne angesprochen und die haben ihre Bedeutung. Dass ich einen Menschen höre, sehe und rieche ist das wichtigste Gegenmittel.

Dr. Hans-Joachim Maaz bei seinem Vortrag "Der bedürftige Mensch – Zwischen Selbstoptimierung und Selbstverlust"

Sie beschreiben ja als Ursache für Narzissmus frühkindliche Erfahrungen. Was passiert denn, wenn Eltern statt ein Buch vorzulesen ihren Kindern eine Spiele-App geben?

Solche Eltern betonen damit ihre Beziehungslosigkeit! Die sind froh, dass sie für ihr Kind nicht da sein müssen, weil sie mit sich und ihrer Arbeit beschäftigt sind. Damit werden die Kinder alleine gelassen.

Dass die Kinder mit den Spielen gut beschäftigt sind, ist nur der äußerliche Anschein.

Für das Kind ist es nur ein Ersatz, denn es fehlt ihm der unmittelbare Austausch mit den Eltern.

Und gemeinsames Spielen?

Gemeinsames Spielen ist schon wesentlich besser, weil es da unmittelbare Kontakte und mitmenschliche Reaktionen gibt. Das ist eine wesentlich bessere Beziehungsqualität.

Ihr Kollege Spitzer hat ja gefordert, dass Kinder möglichst spät mit den digitalen Medien anfangen sollen. Welchen Standpunkt vertreten Sie? Sehen Sie das genauso streng?

Ich würde nicht den Zeitpunkt in den Mittelpunkt der Frage stellen. Klar ist, dass die Kinder digitale Medien immer früher nutzen, weil ihnen die Beziehung fehlt. Um nicht schwarzzumalen: das Entscheidende ist, wie mit den Medien umgegangen wird. Ob die Eltern daran beteiligt bleiben, ob sie wissen, womit sich das Kind beschäftigt, ob sie zur Verständigung parat stehen, das ist entscheidend. Eltern sollten ihr Kind nicht alleine lassen, damit es sich mit sich selbst beschäftigen muss. Sie sollten sich damit beschäftigen, was das Kind erlebt und sich mit ihm darüber austauschen. Kinder verarbeiten das nicht immer gleich. Ideal ist, wenn das Kind sich mitteilen kann und dadurch erfährt, dass es geschätzt und verstanden wird. Es soll merken, dass es Menschen gibt, die sich dafür interessieren, was es erlebt.

Sie haben behauptet, dass Kinder anstatt frühkindlicher Bildung das Erleben frühkindlicher Bindung nötig haben. Was passiert denn, wenn Eltern das eine mit dem anderen verwechseln?

Es wurde politisch ein Trick erfunden, mit dem man die Bindung in Bildung verwandelt hat. Der Trick entstand unter der Annahme, dass ein Kind früh gebildet werden muss, damit es erfolgreich sein kann. Die Entwicklungspsychologie von Kindern kann diese Annahme aber überhaupt nicht belegen! Ganz im Gegenteil: wenn das Kind gute Bindung im Sinne von Bestätigung erfährt und der Selbstwert zunimmt, dann wächst ganz natürlich das Bedürfnis des Kindes, sich zu bilden, die Welt kennen zu lernen, seine Fähigkeiten auszuprobieren und sich etwas anzueignen. Bildung muss man deswegen gar nicht so früh fördern. Stattdessen muss man dem Kind vermitteln, dass es gewollt ist und dass es wertgeschätzt wird. Das Kind wird sozusagen im gesunden Sinne „narzisstisch gesättigt“.

Sie haben ja mal sowas wie einen Elternführerschein gefordert. Was würde bei so einem Führerschein zum Thema „Medien“ abgefragt werden?

Der Umgang mit Medien ist ja ein weites Feld. Eltern dürfen Mediennutzung nicht anstelle der Beziehung setzen. Zur Eltern-Schule würde gehören, dass Eltern lernen und verstehen, was Kinder brauchen.

Kinder brauchen Beziehung, unmittelbare Ansprache und Reaktion.

Beim Einsatz digitaler Medien ist immer ratsam, dass die Eltern immer irgendwie beteiligt sind. Es geht nicht um die absolute Kontrolle über das Kind, denn das Kind soll freigelassen werden. Das Kind soll sich mitteilen, austauschen können und darüber reden können, was es erlebt.

Was können Eltern tun, um Freiräume für Kommunikation zu schaffen?

Sie müssten in erster Linie Zeit dafür haben. Noch wichtiger ist aber ihre innere Einstellung. Es kommt nicht darauf an, dass Eltern die ganze Zeit für ihr Kind da sind. Es geht um die Qualität ihrer Anwesenheit und ihrer Beziehung. Es gibt Eltern, die so positiv zu ihrem Kind eingestellt sind, dass auch geringere Kontaktzeiten genügen, damit das Kind sich gewollt und geliebt fühlt. Die Grundlage der Elternbildung ist, dass sie in Selbsterfahrung lernen, wie sie sich als Eltern verstehen und welche Einstellung sie zu den Kindern haben. Wenn mehrere Geschwister anwesend sind, dann behaupten Eltern, dass ihnen alle gleich wichtig sind. Das ist natürlich Quatsch! Eltern haben immer ein bevorzugtes Kind und ein weniger beachtetes Kind. Und das ist auch oft situativ abhängig. Eltern müssen genau solche Unterschiede wahrnehmen und sie verstehen.

Wir leiden ja alle unter Eltern-Erfahrungen und dementsprechend behandeln wir unsere Kinder. Kann man im Nachhinein lernen, wie man mehr Aufmerksamkeit schenkt und besser zuhört? Oder ist man da schon festgefahren?

Beides! Die Gehirnforschung zeigt, dass man festgefahren ist, weil die frühen Erfahrungen den Menschen für das ganze Leben prägen.

Wir Psychotherapeuten könnten aber unseren Job an den Nagel hängen, wenn es nicht doch Veränderung gäbe. Man kann neues Verhalten lernen.

Entscheidend ist zu verstehen, welche Fähigkeiten man selber hat bzw. was man von seinen Eltern mitbekommen hat. Aber auch verstehen, was schlecht war! Diese Auseinandersetzung ist für jeden erwachsenen Menschen notwendig. Spätestens wenn man 18 geworden ist, sollte man sich fragen, was man von seinen Eltern übernehmen will und was gefehlt hat bzw. was nicht geholfen hat. Sonst führt man das, was man erlebt hat, unkritisch und unreflektiert fort. Man ist aber ein selbstständiger Mensch, eine neue Generation sozusagen.

Herzlichen Dank für das ausführliche Interview!

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