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Interview mit Barbara Stauber

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Selfies Prof. Dr. Barbara Stauber (2. v. l.) beschäftigte sich ausführlich mit dem Konzept der "Selbstinszenierungen". Über die Hintergründe berichtete sie in unserem Interview.

"Die Inszenierung ist zu etwas Alltäglichem geworden"

Prof. Dr. Barbara Stauber zur Entwicklung jugendlicher Selbstinszenierung

Prof. Dr. Barbara Stauber ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen. Sie schrieb ihre Habilitation über "Junge Frauen und Männer in Jugendkulturen – Selbstinszenierung und Handlungspotenziale". Bei der CONMEDIA 2015 hatten wir Gelegenheit mit Prof. Dr. Barbara Stauber über die Hintergründe der (medialen) Selbstinszenierung zu sprechen.

Sie haben lange zum Thema Selbstinszenierung geforscht. Was stand dabei im Mittelpunkt?

Ich habe Ende der 90er Jahre mit einer Habilitationsschrift angefangen, bei der ich junge Erwachsenen im ländlichen Raum, in der ländlichen Goa-Trance-Szene, diesem Ableger der Techno-Szene untersucht habe. Da haben mich sozialpädagogische Fragen interessiert. Was machen Jugendliche, die sozialräumlich abgelegen leben? Wie greifen sie urbane Jugendkulturen auf? Wie gestalten die eine ländliche Region mit ihren Events, mit ihren Läden und ihrer Infrastruktur? Wie reflektieren sie ihre Geschlechterrollen über diese Aktivitäten. Das Thema Gender-Studies ist ein weiteres Forschungsgebiet von mir. Entwickeln sich da neue Männlichkeiten oder Weiblichkeiten? Bei der Goa-Trance-Szene war spannend herauszufinden, wie die Inszenierung durch das Tanzen neue Freiräume schafft, für Frauen und für Männer. So kam ich Stück für Stück zu dem theoretischen Konzept der "Selbstinszenierungen" und hab das langfristig beobachten können. Inzwischen finde ich, dass das Konzept der Selbstinszenierungen handlungstheoretisch relevant ist. So lässt sich einfacher beschreiben, wie Jugendliche und junge Erwachsene mit der Anforderung umgehen, ihre Übergänge zu gestalten. Bei den Übergängen taucht immer der Aspekt der Inszenierungen auf.

Was heißt das konkret?

Die klassischen Übergänge sind die standardisierten Übergänge, wie von der Schule in den Beruf oder von der Grundschule in die weiterführende Schule. Man hat aber auch in seinen Peer-Kulturen alle möglichen Übergänge zu bewältigen und muss sich ständig positionieren. Wo will ich mich zuordnen, wo will ich mich abgrenzen? Es gibt also institutionalisierte Übergänge wie den von Schule zu Beruf oder den von Schule zu Hochschule, und es gibt informellere Übergänge im jugendkulturellen Bereich.
Das sind alles Übergänge und Aufgaben, die Jugendliche bearbeiten müssen. Das sind Stressmomente, da gibt es Entscheidungsdruck. Da muss man sich andauernd positionieren. Da helfen die Inszenierungen als eine Möglichkeit, als eine Praxis, wie man das ganze bewältigt.

Würden sie sagen, dass sich die Selbstinszenierung von heute von der vor 10 Jahren unterscheidet?

Es gibt auf jeden Fall eine stärkere Veralltäglichung von Selbstinszenierungen. Die Selbstinszenierungen sind den Kindern und jungen Erwachsenen allmählich in Fleisch und Blut übergegangen. Das gab es vor 15 Jahren so noch nicht. Da gab es die Inszenierung beim Tanzen oder bei den Paraden, bei den Events. Oder die Inszenierungen im Hinblick auf Kleidungsstil und alle möglichen Köperpraktiken. Aber als ganz alltägliches Element, bei dem ich schon beim Frühstück die erste Interaktion mache, die immer mit einer Inszenierung einhergeht, so gab es das früher noch nicht. Wir machen gerade aktuell eine Studie zum Rauschtrinken von Jugendlichen, wo wir zeigen können, dass auch diese Praxis ein ganz starkes Inszenierungsmoment hat. Diese Gruppen von Jugendlichen, die sich irgendwo im städtischen Raum treffen, um ihren Vodka mit Orangensaft verdünnt zu trinken, die besetzen Räume im öffentlichen Raum. Da geht es um Körperlichkeit, darum sich als trinkende Jugendliche zu inszenieren. Da geht es um Zugehörigkeiten zu einer Gruppe. Das sind Faktoren, die ein so banales Phänomen wie Rauschtrinken zu einer Jugendkultur machen.

Gab es Selbstinszenierung schon immer oder hängt das mit der Form der Gesellschaft zusammen?

Es gibt einen ganz starken gesellschaftlichen Zusammenhang und Gesellschaften befinden sich im Wandel. Die Inszenierungsformen wandeln sich mit der Gesellschaft. Vor kurzem wurden anlässlich Elvis Presleys achtzigstem Geburtstag viele Bilder gezeigt, wie Jugendliche sich in den 50er Jahren inszeniert hatten. Die hatten sich auch inszeniert, aber es hatte viel mehr etwas Herausgehobenes, Außeralltägliches. Heutzutage ist die Inszenierung zu etwas Alltäglichem geworden. Der Grund ist, dass in den Gesellschaften unseres Typs, den spätmodernen kapitalistischen Gesellschaften, der Wettbewerb eine starke Rolle spielt. Dass sie uns ganz subtil auffordern, wenn nicht sogar zwingen, uns permanent zu präsentieren und zu inszenieren. Nicht nur in einer Bewerbungssituation, sondern in jedem Auftritt als Student oder Studentin, bei jedem Leistungsnachweis, sogar in der Schule schon. Die Inszenierungen findet man in alle möglichen lebensweltlichen Zusammenhängen. Die sind so elementar geworden, dass wir es kaum noch spüren.

Wir sprechen im Zusammenhang mit den neuen Medien immer von Chancen und Risiken. Was überwiegt bei der Selbstinszenierung, die Chancen oder die Risiken?

Da wäre ich in der Tat unentschieden. Es kommt immer darauf an, wie man die neuen Medien nutzt. Es gibt immer bestimmte Dinge, die man nicht im Griff hat. Bei den Sozialen Netzwerken hat sich herausgestellt, dass man gar nicht mehr spurenfrei diese Netzwerke verlassen kann. Damit rechnet man nicht, wenn man Mitglied wird. Das ist der Mythos von Selbststeuerung, der nicht weit reicht. Ich würde das aber nicht als großes Risiko bezeichnen. Die realen Risiken sind eher die sozialen Prozesse, die auch über die Medien stattfinden, wie Kontrolle, Ausgrenzung, Mobbing, Cybermobbing. Da gibt es genügend Beispiele mit denen wir uns in der Pädagogik stark beschäftigen. Aber das ist wie fast alles in unseren Gesellschaften hochambivalent. Es gibt die eine Seite, ohne die wir gar nicht mehr leben können und es gibt die andere Seite, mit der wir sehr bewusst umgehen müssen. Eltern müssen mit dem Medienkonsum ihrer Kinder viel bewusster umgehen. Das pädagogische Personal muss damit bewusster umgehen. Damit müssen auch medienpädagogische Einrichtungen bewusster umgehen. Es hat aber keine Perspektive, irgendetwas zu verteufeln oder zu sagen, dass sowas verboten wird. Das hat noch nie gewirkt.

Sie haben vorhin davon gesprochen, dass die Selbstinszenierung Menschen unter Druck setzt. Was haben sie da beobachtet?

Da ging es um den körperlichen Stress, den viele Jugendliche spüren und aushalten. Dieser Druck kann dazu führen, dass junge Menschen – auch immer mehr junge Männer – Essstörungen entwickeln, ein problematisches Essverhalten entwickeln und kein gutes Verhältnis mehr zu ihrem Körper entwickeln können. Darin sehe ich die große Gefahr. Als Gegenentwurf sehe ich ein stimmiges Verhältnis zwischen der Inszenierung und dem was ich verkörpern und auch sein will. Hinter den Ansprüchen die ich also als junge Frau an mein Leben hab, steckt ja stets eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit, nach Andocken können, nach Gruppe. Wenn das gelingt, dann ist alles gut. Wenn aber das Stressmoment überwiegt und Menschen sich über die Medien ausgrenzen oder mobben, dann wird es problematisch.

Was gewinnen Jugendliche aus der Selbstinszenierung? Welche "Währung" bzw. welche Motive stecken dahinter?

Die Währung ist Anerkennung, würde ich sagen! Die Motive sind gar nicht so klar ausformuliert. Die Leute stellen hübsche Fotos von sich ins Netz und weiter nichts. Ein richtig ausformuliertes Motiv steckt in den seltensten Fällen dahinter. Und wir sprechen gerade nicht von den heiß-diskutierten Salafisten, die über die sozialen Netzwerke ihre Anhänger rekrutieren. Das sind nämlich ganz bewusste Manipulationen, da sind die Motive ganz stark ausgeprägt. In diesem alltäglichen jugendkulturellen Handeln jedoch inszeniert man sich, weil es die anderen auch machen. Wenn man es nicht machen würde, würde man nicht dazugehören. Ich bin vielleicht hier in dieser Veranstaltung eine der wenigen, die nicht in den Sozialen Netzwerken vertreten ist. Ich habe nicht das Problem, dass ich mich deswegen ausgegrenzt fühlen muss. Wäre ich aber eine 16-Jährige, dann wäre das keine Option. Ich müsste irgendwie dabei sein. Es sei denn, ich hätte ein ganz stabiles Standing und eine starke Gruppe hinter mir. Dann könnte ich mir das vielleicht erlauben. Es ist ein riskantes Spiel, nicht das zu machen, was alle machen und alle gut finden. Vor allem aber, sich nicht daran zu beteiligen, worüber die ganze Kommunikation läuft! Ich grenze mich ja aus, wenn ich mich daran nicht beteilige! Die Leute sind ja auch dabei, weil sie dabei sein müssen, und weil nur so das soziale Leben aufrecht zu erhalten ist.

Sie haben diese Entwicklung eine Weile verfolgt. Hat sich das Bild von der Privatsphäre durch die Sozialen Netzwerke verändert oder hat das immer noch die gleiche Bedeutung?

Die Privatsphäre ist stärker von diesen ganzen Inszenierungen durchdrungen. Es gibt immer weniger Orte, Räume und Zeiten, an denen man nicht beobachtet wird oder sich selbst beobachtet. Das könnte man sicherlich als ein Phänomen betrachten.

Wenn sich Jugendliche so häufig selbst inszenieren, verstehen sie dann auch besser, wenn sich etwas um Inszenierung handelt oder um Realität? Wächst da eine Entschlüsselungsfähigkeit?

Das würde ja voraussetzen, dass die Jugendlichen immer auch reflektieren, was sie tun. Ich glaube statt dessen, dass die Jugendlichen heute einfach darin sehr geübt sind, die Inszenierung ist ein Teil ihrer Alltagspraxis geworden. Sie fühlen sich dabei nicht unecht, künstlich oder fassadenhaft, sondern das ist ihr Leben, das ist ihre Form des Kommunizierens. Ich halte die Trennung des echten und des inszenierten Lebens für problematisch. Das führt nicht sehr weit, weil es sich um eine eingespielte Praxis handelt.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

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