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TikTok-Challenges: Wie können Eltern mit riskanten Internet-Trends umgehen?

TikTok-Challenges: Wie können Eltern mit riskanten Internet-Trends umgehen?

Steam Jüngst führten TikTok-Challenges zu Sachbeschädigung und Amokdrohungen an deutschen Schulen. Doch was fasziniert Heranwachsende an TikTok-Challenges und wie können Erziehende und Eltern darauf reagieren?  (Foto: S. H. Gue, Unsplash)

Jüngst führten TikTok-Challenges zu Sachbeschädigung und Amokdrohungen an deutschen Schulen. Doch was fasziniert Heranwachsende an TikTok-Challenges und wie können Erziehende und Eltern darauf reagieren? 

Was ist TikTok? 

Selbst ein Star sein, im Mittelpunkt stehen, Bewunderung erlangen oder Selbstwirksamkeit erfahren: All das erleben Heranwachsende mit TikTok per Knopfdruck. Mit TikTok erstellen Heranwachsende nicht nur ihre Tanzvideos wie bei der Vorgänger-App „Musical.ly“. Mit Sketchen, Pranks (Videos, in denen jemand veräppelt wird), LipSyncs (bei denen zu Songtexten oder Tonspuren von Filmen die Lippen bewegt werden), Tutorials und auch Challenges erreichen bekanntere „TikToker“ ein Millionen-Publikum. Die Clips auf TikTok durften bis 2022 maximal 60 Sekunden lang sein und muten für Erwachsene ein wenig an wie „YouTube im Hochgeschwindigkeits-Modus“.  

Das Internet-ABC schreibt: „TikTok ist kein Programm für Kinder und sollte unter 12 Jahren nicht genutzt werden. Erlaubt ist die Anwendung laut den AGB ab 13 Jahren, sofern die Eltern einverstanden sind.“ Leider sind aber auch schon die Jüngeren bei TikTok angekommen: Bereits 2020 waren 30 Prozent aller Sechs- bis 13-Jährigen mindestens einmal pro Woche auf TikTok. In dieser Altersklasse ist TikTok hinter YouTube und WhatsApp die drittwichtigste App.

Was sind die Risiken? 

Neben sämtlichen Chancen, welche soziale Netzwerke für Heranwachsende bieten (Teilhabe, Selbstwirksamkeit, Kreativität, soziales Lernen) birgt die Nutzung von TikTok eine ganze Reihe an Risiken, weshalb dessen Anbieter – die chinesische Firma ByteDance – krampfhaftbemüht ist, es sicherer zu machen. Zu den Risiken zählen:  

Darüber hinaus kann die Nutzung sozialer Netzwerke wie Instagram – aber auch TikTok – zu Depressionen, Schlafproblemen oder Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führen.    

Was sind Challenges?

Seit der Ice Bucket Challenge kennen sogar Erwachsene, welche selten auf sozialen Netzwerken tätig sind, den Sinn und Zweck von Challenges: Jemand macht etwas Aufsehenerregendes vor und fordert die eigenen Followerinnen und Follower dazu auf, es nachzumachen oder zu übertreffen. Challenges können durch diese Art der Verbreitung Viralität erlangen und können sich in sozialen Netzwerken weltweit verbreiten. Neben TikTok finden Challenges auch in den Kurzclip-Formaten Reels von Instagram oder Shorts von YouTube statt. 

Das Phänomen der viralen Challenges kann zunächst neutral betrachtet werden, da der Aufruf zur Teilnahme an einer Herausforderung bzw. einem Wettbewerb noch kein direktes Problem darstellt. Neben Geschicklichkeitstests wie zum Beispiel dem #bottleflip gibt es positive Challenge-Beispiele: Bei der #fillthebottle-Challenge wurden die Teilnehmenden beispielsweise dazu aufgerufen, ihre Umwelt aufzuräumen. Allerdings existieren reichlich negative Beispiele. Einige Challenges schießen vor allem unter Heranwachsenden über das Ziel eines freundschaftlichen Wettbewerbs hinaus und führen zu Sachbeschädigung, Körperverletzung bis hinzumTod.   

Was ist der Reiz an Challenges in TikTok und anderen sozialen Netzwerken? 

Soziale Anerkennung und das Beeindrucken anderer scheinen für Jugendliche zentrale Motivationsfaktoren zu sein, an Challenges teilzunehmen. Das lässt zumindest eine von TikTok in Auftrag gegebenen Studie vermuten, in der die Hälfte der befragten Jugendlichen angaben, dass einer der wichtigsten Gründe zur Teilnahme im Generieren von Ansichten, Kommentaren und Likes liegt. Ebenfalls fast die Hälfte der Befragten gab an, dass der Wunsch andere zu beeindrucken ein wichtiger Grund zur Teilnahme sei.

Wie können Eltern gestärkt werden?

Die Herausforderungen an die Erziehenden sind groß. Die Initiative Kindermedienland bietet deshalb zum Thema „Soziale Netzwerke“ Eltern-Kind-Workshops für Eltern an und unterstützt sie mit der medienpädagogischen Beratungsstelle: Mo. bis Do. von 8:30 bis 16 Uhr, sowie freitags von 8:30 bis 13 Uhr – unter 0711 490 963 - 21. 

Leider geht es in der Unterhaltungs- und humorlastigen Umgebung von TikTok nicht darum, erzieherisch wertvolle Inhalte zu vermitteln, sondern vor allem darum, durch möglichst aufsehenerregendes Videomaterial für emotionale Hebelwirkung zu sorgen, mit der der Sog und die Immersion in die TikTok-Welt verstärkt werden. Auch Erwachsene sind sich der manipulativen Funktionsweise von Social-Media-Apps oft nicht bewusst und erliegen ihr selbst – z. B. bei politischen Debatten oder Konsumthemen.   

Damit Eltern ihre Kinder bei der TikTok-Nutzung begleiten und fördern können, müssen sie sich ihrer Vorbildrolle bewusst sein und reflektieren, wie sie selbst mit sozialen Netzwerken umgehen. Das bedeutet aber nicht, auf die Nutzung sozialer Netzwerke komplett zu verzichten. Denn nur wenn Eltern souveränen Umgang mit TikTok oder Instagram umgehen, können sie ihren Kindern Orientierung bieten. Zwar müssen Eltern nicht sämtliche Tricks und Hacks verstehen, um gegenüber den Kindern als technisch souverän wahrgenommen zu werden. Gewisse Grundkenntnisse über die Funktionsweisen und Risiken stärken aber die erzieherische Funktion beim Umgang mit sozialen Medien.

Was können Eltern konkret tun?

Gut zuhören 

Eltern, die ihren Kindern gut zuhören, verstehen, was in deren TikTok-Welt vor sich geht. Leider schalten Eltern gerne ab, wenn sie das Gefühl beschleicht, die Jugendworte – speziell mit TikTok-Bezug – nicht zu verstehen. Wie bei einer Fremdsprache baut sich der Wortschatz aber dadurch auf, bewusst zuzuhören. Die Chance, auch Probleme oder kritische Mediennutzung zu erkennen, steigt mit dem aktiven Zuhören. 

Gemeinsam soziale Medien erschließen 

Eltern sollten – zumindest teilweise – wissen, welchen Kanälen ihre Kinder folgen oder warum sie den einen oder anderen Influencer oder die Influencerin toll finden. Hilfreich ist, wenn sich Eltern den Hintergrund von Sketchen, LipSyncs und Challenges erklären lassen. Das ist für Erwachsene sehr lehrreich und Kinder werden sich wiederum wertgeschätzt fühlen, wenn das Interesse ernst gemeint ist. 

Sich mit Altersempfehlungen auseinandersetzen 

Wie oben erwähnt, ist die Nutzung der App erst ab 13 Jahren erlaubt und benötigt der Zustimmung der Eltern. In großen Familien lohnt es sich, alle Familienmitglieder für die Altersfreigaben zu sensibilisieren. So sollten ältere Geschwister darauf achten, dass die jüngeren Geschwister bei der Nutzung von sozialen Netzwerken nicht anwesend sind. Auch Verwandte sollten sich daranhalten. 

Regeln gemeinsam vereinbaren und aufschreiben 

Um den Umgang mit TikTok und Instagram zu regeln, bietet sich die Vorlage des Mediennutzungsvertrags an. Das schriftliche Festhalten verhindert im Nachhinein sinnlose Diskussionen, die mit „Du hast aber gesagt, dass …“ beginnen. Dies soll nicht zum schriftlichen Knebel verkommen, sondern eine Grundlage zum Dialog bzw. zum gemeinschaftlichen Aushandeln der Regeln bieten. Diese Maßnahme kann auch helfen, dass Kinder aufmerksamer über den Sinn und Zweck der Bestimmungen nachdenken und gegebenenfalls konstruktiv mitbestimmen. 

Über Risiken offen reden 

Eltern können ihre Kinder dabei unterstützen, Risiken (on- und offline) zu erkennen und richtig einzuschätzen. Hierbei ist ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Kindern sowie eine entspannte Gesprächsatmosphäre hilfreich. Vermieden werden sollten Verhör-Methoden, Verallgemeinerungen in Gut und Schlecht oder das Lächerlich-machen von Themen, die Kindern ernst sind. Bei dem Gespräch kann auch erklärt werden, dass Kinder andere gefährden, wenn sie riskante Challenges, die zum Nachmachen einladen, weiterleiten.  

Stärken stärken, Grenzen setzen 

Kinder, die über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen, sind eher in der Lage „Nein“ zu sagen und dem Gruppendruck nicht nachzugeben. Wenn Kinder sich ihrer eigenen Stärke und ihrem elterlichen Rückhalt bewusst sind, aber auch wissen, wo ihre Eltern klare Grenzen setzen, kann das problematisches Verhalten verhindern.  

Familieneinstellungen aktivieren 

Sollten Kinder auf ein internetffähiges Smartphone zugreifen dürfen, sollten definitiv die Familieneinstellungen (auch innerhalb der Apps) aktiviert werden. Mehr dazu unter www.medien-kindersicher.de

Alternativen anbieten 

Computer, Smartphone und virtuelle Welten sind nur eine von vielen Möglichkeiten, die Welt zu erschließen, Freundschaften zu pflegen oder Abenteuer zu erleben. Eltern sollten darauf achten, dass nicht nur die digitalen Varianten den Alltag der Kinder prägen. Die Freude am Malen, Musizieren, Basteln, Sport oder Fotografie muss Kindern und Jugendlichen vorgelebt und ermöglicht werden. 

Stand: März 2022

Weiterführende Informationen

Über den Autor

Christian Reinhold ist seit über 10 Jahren Redakteur der Initiative Kindermedienland. Privat fotografiert er leidenschaftlich gern und spielt Gitarre.