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Was ist Steam und warum sollten sich Eltern damit auseinandersetzen?

Was ist Steam und warum sollten sich Eltern damit auseinandersetzen?

Steam Was sollten Eltern wissen, wenn ihre Kinder sich für Steam interessieren? (Foto: ELLA DON,Unsplash)

Sexistische, gewalthaltige Spiele, ein unzureichender Jugendschutz und eine toxische Community: genug Gründe dafür, dass Eltern ihren Kindern den Zugang zu Steam einschränken. Leider können sich Kinder auch ohne Wissen der Eltern anmelden. Doch was ist Steam eigentlich?

Steam kann mit über 50.000 Spielen im Angebot als der größte Online-Marktplatz für digitale Spiele bezeichnet werden. Der Gaming-Markt kann es heutzutage locker mit Hollywood aufnehmen und ist längst keine Nische mehr. Zum Vergleich: Steam verzeichnet über 1 Milliarde Nutzerkonten während bei Facebook fast 3 Milliarden Userinnen und User monatlich aktiv sind.

Warum ist Steam bei (jugendlichen) Computerspielern so populär?

So wie bei Musik keiner an Spotify vorbeikommt, ist die Computerspielwelt ohne Steam undenkbar. Während man früher noch Computerspiele als CDs, Disketten oder Cartridges kaufen konnte, werden diese heute hauptsächlich online oder als Blue-Ray bezogen. Bei ersterem Vertriebsweg kann Steam mit seinem riesigen Angebot klar als Marktführer bezeichnet werden.

Steam, hinter dem das Softwareunternehmen Valve steht, versorgt die Userinnen und User mit Updates, sorgt für den Kopierschutz der angebotenen Spiele sowie darum, dass sich Spieler in Communitys miteinander vernetzen können. Auf Steam tauschen sich die Userinnen und User in einem riesigen Chat miteinander aus, bieten im Community-Markt Spielgegenstände feil oder nehmen an Live-Übertragungen von Spielen teil.

Welche Spiele werden auf Steam angeboten?

Zu den meistgenutzten Spielen auf Steam zählen aktuell „PUBG: Battlegrounds“, „Counter-Strike: Global Offensive“ und „Dota 2“. Aber auch „Grand Theft Auto V“, „Among Us“ oder „Cyberpunk 2077“ sind in der Liste der Top 20 zu finden. Neben den bekannten Spielen werden zahlreiche Indie-Spiele (Nischenspiele von kleineren Software-Anbieter) über Steam angeboten. Leider sind auch viele umstrittene Spiele über Steam erhältlich. Ein Beispiel dafür ist das über YouTube gepushte Gratisspiel „Crab Game“ welches als Parodie auf die gewalthaltige Netflix-Serie „Squid Game“ entwickelt wurde.

Gefährliche Gratisspiele zählen zu Steams Repertoire

Spieletester von Gamestar bemängelten den Voice-Chat sowie die Community von „Crab Game”: Während des Testens waren im Voice-Chat z. B. Hitlergrüße, die erste Strophe der Deutschland-Hymne oder Beleidigungen auf tiefstem Niveau zu hören – und das in ohrenbetäubender Lautstärke. Auch schlimm: das Parodie-Spiel wurde anfänglich auf unsicheren Computernetzwerken gehosted, sodass es möglich war, die IP-Adresse der Spieler für Hacker-Angriffe zu missbrauchen.

Auf der Plattform wurden bis 2019 neben digitalen Spielen auch Filme, Serien oder Software vertrieben. Die Server von Steam müssen sehr leistungsfähig sein: Anfang 2022 waren auf Steam knapp 30 Millionen User gleichzeitig am Spielen.

Ab welchem Alter ist Steam erlaubt?

Im Steam-Nutzungsvertrag steht: „Unter einem Alter von 13 Jahren dürfen Sie kein Abonnent werden. Steam ist nicht für Kinder unter 13 Jahren gedacht, und Valve wird nicht wissentlich persönliche Daten von Kindern unter 13 Jahren sammeln.“

Im Google-Play-Store wird Steam mit der USK-Einstufung „ab 16 Jahren“ angeboten, auf dem iTunes-Store mit „12+“.

Können sich Heranwachsende ohne Wissen ihrer Eltern bei Steam anmelden?

Ja. Hier die Anleitung: https://www.youtube.com/watch?v=CPgs9-2d4V4

Die Altersverifikation ist spielend einfach zu umgehen: einen Haken setzen, dann „Ich bin 16 Jahre oder älter“ klicken.

Disclaimer: Dies soll keine Empfehlung dafür sein, dass Heranwachsende trotz Altersbeschränkung bestimmte Tools, wie Steam nutzen dürfen. Hinsichtlich der Tatsache, dass Eltern ihre Kinder trotz Altersbeschränkungen auch Instagram, WhatsApp oder Snapchat nutzen lassen – welche im Alter „zwischen 13 und 16 Jahren […] die Zustimmung der Eltern“ benötigen – sollten sich Eltern zumindest über deren Risiken und erzieherischen Implikationen informieren.

Welche Risiken gehen von Steam aus?

Bereits vor Jahren wurde immer wieder bemängelt, wie einfach für Jugendliche der Zugang zu Steam ist. Neben der leicht auszuhebelnden Altersverifizierung wurde Steam vor allem für rassistische, sexistische und gewalthaltige Inhalte kritisiert. Das Management von Steam nahm es noch bis 2018 mit der Begutachtung der angebotenen Spiele sehr locker und verkündete eine lasziv-faire Einstellung: Erlaubt sei „alles, außer Dinge, bei denen wir entscheiden, dass sie illegal sind, und ganz eindeutigem Trolling“. Im Klartext: Steam betrachtete sich als neutrale Plattform, die nach eigenen Kriterien entscheidet, was „illegal“ ist, die Spiele aber nicht vorab inhaltlich überprüft.

Aufgrund des medialen Druckes und vor allem aufgrund von Protesten der eigenen Community bannt Steam dennoch widerwillig kritische Spiele: so 2018 einen Amoklauf-Simulator, 2019 den Vergewaltigungs-Simulator „Rape Day“ oder 2021 das sexistische Aufreißer-Spiel „Super Seducer“. Aber auch gegen Community-Mitglieder, die sich verfassungswidrig verhalten, geht Steam mittlerweile vor. Die Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein verkündete Ende 2019, dass Steam „ein volksverhetzendes Profil und 78 Inhalte mit verfassungsfeindlichen Parolen gelöscht“ hat. Da Steam wie oben beschrieben über keine technisch einwandfrei funktionierende Altersverifikation verfügt, wurde der Zugang zu Sex-Spielen mit Altersfreigabe ab 18 Jahren in 2020 für Deutschland komplett gesperrt. Mitglieder der Steam-Community fordern deshalb, dass Plattformen wie Steam endlich einen „verbindlichen, rechtlich einwandfreien und zudem sicheren Altersnachweis für volljährige, deutsche Steam-Nutzer“ einführen.

2022: Kritik und Forderungen nach starker Regulierung halten an

Die Kritik an Steam hält weiter an. 2021 forderte „das Bundesjustizministerium eine umfassende Regulierung von Spieleplattformen auf europäischer Ebene“. Im kommenden Digital Services Act (DSA), mit dem die EU stärker Onlineplattformen wie Steam regulieren will, soll festgelegt werden, dass „strafbare und jugendgefährdende Inhalte sehr schnell gelöscht werden“, so wie es Justizstaatssekretär Christian Kastrop formulierte.

Datenschutz auf Steam? Fehlanzeige

Nutzerinnen und Nutzer von Steam haben nicht nur mit inhaltlichen Risiken zu kämpfen. Der Datenschutz wurde von Rechtswissenschaftlern geprüft und Steams „Nutzerbestimmungen als fragwürdig“ eingestuft. Ein weiterer Kritikpunkt ist die umständliche und wenig verbraucherfreundliche Rückruf-Richtlinie, wenn Spielerinnen und Spieler ein Spiel auf Steam zurückgeben wollen.  

Betrugsmaschen in Spielen

In der finanziell lukrativen Online-Gaming-Welt sind leider viele Betrügerinnen und Betrüger unterwegs. Entwicklerstudios verkauften auf Steam z. B. gefälschte Gegenstände für bekannte Spiele, die den echten Gegenständen zum Verwechseln ähnlich aussahen, sich aber als Datenmüll entpuppten. Steam weist darauf hin, dass die häufigste Betrugsmasche darin besteht, an die Account-Daten der Userinnen und User zu gelangen und diese dann mit einer Lösegeldforderung zu erpressen. Weitere Betrugsmethoden tauchen vor allem beim Handel mit Ausrüstungsgegenständen auf.

Welche Zahlmethoden bietet Steam an?

Auf Steam lässt sich u. a. mit Paypal, GiroPay oder Sofortüberweisung bezahlen – vorausgesetzt die Userinnen und User verfügen über eine Kreditkarte oder ein Girokonto. Eine für Heranwachsende weit interessantere Bezahlmethode sind sogenannte Paysafe-Cards oder Steam-Geschenkarten. Damit sind Guthabenkarte gemeint, welche bei den meisten Drogerien oder Supermärkten aushängen und leider auch an Minderjährige ausgegeben werden. Laut Anbieter „kann jeder paysafecard Prepaid Codes kaufen“.

Welche Jugendschutzeinstellungen bietet Steam an?

Aufgrund massiver Kritik bietet Steam mittlerweile zahlreiche Familieneinstellungen an, u. a. eine Familienbibliothek. Hier können Eltern einstellen, dass Kinder nur die vorher festgelegten Games spielen dürfen. Der Chat sowie der Steam-Shop können für Kinder speziell ein- oder ausgeschaltet werden. Zu guter Letzt lassen sich die Einstellungen mit einer PIN absichern, damit die Sprösslinge nicht frei schalten und walten können. Wie’s geht, zeigt das Tutorial „Wie stelle ich die Jugendschutz-Einstellungen bei Steam ein?“ vom Spieleratgeber NRW.

Was können Eltern tun?

  1. Gut zuhören

Eltern, die ihren Kindern gut zuhören, verstehen auch, was in deren Gaming-Welt vor sich geht. Leider schalten Eltern gerne ab, wenn sie das Gefühl beschleicht, die Jugend-Worte – speziell mit Gaming-Bezug – nicht zu verstehen. Wie bei einer Fremdsprache baut sich der Wortschatz aber dadurch auf, bewusst zuzuhören. Die Chance, auch Probleme oder kritische Mediennutzung zu erkennen, steigt mit dem aktiven Zuhören.

  1. Gemeinsam spielen

Eltern sollten wissen, was ihre Kinder spielen, warum sie das eine oder andere Spiel toll finden und dann mit den Kindern gemeinsam Regeln festlegen. Dazu ist es sinnvoll, wenn sich Eltern erklären lassen, wie ein Computerspiel funktioniert und vielleicht auch selbst einmal mitzuspielen. Das ist für Erwachsene sehr lehrreich und Kinder werden sich wiederum wertgeschätzt fühlen, wenn das Interesse ernst gemeint ist.

  1. Sich mit Alterskennzeichen auseinandersetzen

Beim Kauf neuer Spiele sollten Eltern die farbig gekennzeichnete Altersempfehlung der USK beachten. Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (kurz USK) bietet aber keine pädagogischen Empfehlungen, sondern nur Einschätzungen für die Alterstauglichkeit. In großen Familien lohnt es sich, alle Familienmitglieder für die Altersfreigaben zu sensibilisieren. So sollten ältere Geschwister darauf achten, dass die jüngeren Geschwister bei Computerspielen für Ältere nicht anwesend sind. Auch Verwandte sollte sich bei Spielgeschenken an die Altersfreigaben halten.

  1. Reife des Kindes berücksichtigen

Nicht jedes Kind kann gleich gut mit den Herausforderungen von Spielen und deren Inhalten umgehen. Deswegen reicht es nicht, die Altersempfehlungen der USK als Hauptargument bei Kaufentscheidungen heranzuziehen – vor allem, da diese eine Mindestempfehlung darstellen. Spiele können Kinder überfordern und sogar frustrieren. Daher lohnt es sich, den individuellen Reifegrad der Kinder zu berücksichtigen und sich vor dem Kauf mit Spieletests auf spieleratgeber-nrw.de oder YouTube-Trailern zu beschäftigen: Als Beispiel dazu der Trailer zum ab 12 Jahren freigegebenen „Blood Bowl 3“.

  1. Standort von PC und Spielkonsole

Es stellt sich die Frage, an welchem Ort man den Gaming-PC aufstellen sollte. Zwar möchten Kinder gerne beim Gamen ihre Privatsphäre haben. Den PC an einem öffentlich einsehbaren Ort aufzustellen – also besser im Ess- oder Wohnzimmer anstatt im Kinderzimmer – kann exzessives Spielen und den Zugriff auf ungewollte Inhalte vermeiden. Auf diese Weise können Eltern besser einschätzen, wie lange und was gespielt wird.

  1. Regeln gemeinsam vereinbaren und aufschreiben

Um den Umgang mit PC und Games zu regeln, bietet sich die Vorlage des Mediennutzungsvertrags an. Das schriftliche Festhalten verhindert im Nachhinein sinnlose Diskussionen, die mit „Du hast aber gesagt, dass …“ beginnen. Dies soll nicht zum schriftlichen Knebel verkommen, sondern eine Grundlage zum Dialog bzw. zum gemeinschaftlichen Aushandeln der Regeln bieten. Diese Maßnahme kann auch helfen, dass Kinder aufmerksamer über den Sinn und Zweck der Bestimmungen nachdenken und gegebenenfalls konstruktiv mitbestimmen.

  1. Über Risiken offen reden

Eltern sollten die oben genannten Risiken sowie den problematischen Austausch mit Älteren oder Erwachsenen thematisieren. Wie man mit Kindern über unangenehme Themen sprechen kann, beschreiben wir hier.

  1. Familieneinstellungen aktivieren

Sollten Kinder auf einen Gaming-PC mit Steam zugreifen dürfen, sollten definitiv die Familieneinstellungen aktiviert werden. Wie bei WhatsApp, Instagram oder Snapchat besteht auch bei Steam die Gefahr, dass Heranwachsende einen Account anlegen, ohne dass es die Eltern mitbekommen. Falls das verhindert werden soll, müssen die entsprechenden Sperrungen und Admin-Funktionen aktiviert werden. Mehr dazu unter www.medien-kindersicher.de.

  1. Alternativen anbieten

Computer, Smartphone und virtuelle Welten sind nur eine von vielen Möglichkeiten, die Welt zu erschließen, Freundschaften zu pflegen oder Abenteuer zu erleben. Eltern sollten darauf achten, dass nicht nur die digitalen Varianten den Alltag der Kinder prägen. Die Freude am Malen, Musizieren, Basteln, Kochen oder Bergsteigen muss Kindern und Jugendlichen vorgelebt und ermöglicht werden.

  1. Auf Warnsignale achten

Ob beim Computerspielen ein gesundes Maß überschritten wird, lässt sich nicht immer exakt ermitteln. Bei folgenden Symptomen sollte jedoch der Umgang mit digitalen Medien überdacht werden:

  • Einseitigkeit in der Freizeitgestaltung
  • Schulleistungen verschlechtern sich langfristig
  • Kinder sind nervös, gereizt oder antriebslos
  • Freundschaften und häusliche Pflichten werden vernachlässigt
  • Kinder leiden unter Kopfschmerzen oder Augenermüdung

Bei Verdacht macht ein sofortiges Verbot der Spiele nicht unbedingt Sinn. Gerade wenn ein Spiel neu angeschafft wurde, kann es anfänglich zu einem oder mehreren der genannten Symptome kommen, die nicht automatisch auf problematische Computerspielnutzung hinweisen. Verfestigen sich aber diese Erscheinungen, sollten sich Eltern fragen, was hinter dem überhöhten Medienkonsum steckt. Mehr Informationen: Computerspielsucht | Wie man sie definiert und woran man sie erkennt.

Stand: Februar 2022

Weiterführende Informationen

Über den Autor

Christian Reinhold ist seit über 10 Jahren Redakteur der Initiative Kindermedienland. Privat fotografiert er leidenschaftlich gern und spielt Gitarre.