Baden-Württemberg Kindermedienland

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Kinderabteilung der Stadtbibliothek Stuttgart

Lesekompetenz fördert Medienkompetenz

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Fachkräfte Im Kinderbereich der Stadtbibliothek findet man ca. 60.000 Bücher. Wir wollten mehr über die Lesevorlieben von Kindern und Jugendlichen erfahren.

Interview mit Karin Rösler und Melanie Padilla Segarra (Stuttgarter Kinderbibliotheken)

Einen wunderbaren Einblick in die Welt der Bücher und Tablets gewähren die beiden Bibliothekarinnen der Kinderabteilung der Stadtbibliothek Stuttgart, Karin Rösler und Melanie Padilla Segarra. Sie geben Interessierten wertvolle Tipps, wie man Kindern vorliest und zum Einsatz von Vorlese-Apps in der Familie. Bei unserem Besuch waren auch Fünftklässler in der Bibliothek, die mithilfe von Tablets eine Fotostory bastelten. Unterstützt wurden sie dabei von Studenten der Hochschule der Medien sowie dem Förderprogramm "Frühe Chancen". Wir haben die Ergebnisse fotografisch festgehalten.

Die Bibliothek als Bildungsort

Angesichts der Ergebnisse der Schüler, stellte sich uns die Frage: was kann eine Bibliothek erreichen, was die Schule vielleicht nicht schafft?

Karin Rösler: Die Bibliothek kann als außerschulische Bildungsinstitution eine wichtige Funktion für die Schüler einnehmen, die aus unterschiedlichen Gründen in der Schule versagen. In der Bibliothek haben sie ohne Druck Entwicklungsmöglichkeiten, die sie so in der Schule nicht finden.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten aus?

Karin Rösler: Schulen und Kindergärten sind für uns die wichtigsten Kooperationspartner, weil wir durch sie die Gruppe der Kinder erreichen, die über das Elternhaus nicht in die Bibliothek kommen. Unsere Kinderebene hat unzählige Angebote, die von Schulen individuell gebucht werden können. Siebzig Prozent der Veranstaltungen sind geschlossene individuelle Termine für Schulen und Kindergärten. Bei Schulen sind das oft Führungen, Medienrallys oder Sinnesführungen. Kindergärten melden sich oft zu Bilderbuchshows an.

<i>Nur ein Bruchteil des riesigen Angebotes im Kinderbereich der Stadtbibliothek.</i>

Bücher vs. digitale Medien

In der Presse, wie jüngst in einem Geo-Artikels, geistern immer wieder Zahlen herum, dass Kinder zeitlich betrachtet häufiger digitale Medien nutzen als Bücher. Macht sich dieser Wandel in der Bibliothek bemerkbar?

Melanie Padilla Segarra: Bei den Zahlen im Geo-Artikel handelt es sich ja um die reine Nutzungsdauer. Sie stellen aber nicht dar, was während der Nutzungszeit gemacht wird. Und viele Kinder lesen ja auch mit dem Smartphone oder dem Tablet, was keine "schlechtere" Art zu lesen ist.

Hat sich durch die veränderte Mediennutzung die Qualität der Rezeption verändert? Etwa dass die Konzentrationsfähigkeit nachlässt?

Melanie Padilla Segarra: Das würde ich gar nicht so sagen. Es gibt heute wie damals Vielleser und genau die sind am kompetentesten im Umgang mit dem Computer. Die können sich stundenlang vor sowas konzentriert hinsetzen. Und andere Kinder, die früher vielleicht drei Stunden draußen gespielt haben und nicht gelesen haben, sind diejenigen, die jetzt drei Stunden am PC sitzen und dort lesen, wenn vielleicht auch nicht ganz so ausdauernd.

Karin Rösler: Wir richten unser Medienangebot an der Nachfrage der Kinder und Jugendlichen aus. Das Buch ist aber weiterhin gefragt. Jugendlichen sind ja schlichtweg "Vielmediennutzer". Sie nutzen immer mehr Medien, ohne dass sie das andere vernachlässigen. Wir sind weit davon entfernt, dass wir Medien gegeneinander ausspielen. Wir wünschen uns, dass Kinder in der Stadtbibliothek alle Medien gleichberechtigt kennenlernen, um dann selbstbestimmt mit ihnen umzugehen.

<i>Hinter insgesamt 24 Türchen verstecken sich zur Weihnachtszeit lauter Leseüberraschungen. </i>

Der selbstbestimmte Umgang mit Medien

Welche Kompetenzen beinhaltet der selbstbestimmte Umgang mit Medien?

Karin Rösler: Entdecken, auswählen, kennenlernen, eine kritische Distanz dazu haben und im Idealfall selber ein Medium herstellen können. Deswegen haben wir solche Projekte wie Fotostory-Machen. In Workshops regen wir die Kinder dazu an, möglichst viel selber zu machen. Wenn sie selber eine Internetseite gestalten, dann können sie danach Internetangebote prüfen und kritisch hinterfragen. Das Motto der Kinderebene lautet "Kinder auf dem Medienthron". Wir wollen damit zum Ausdruck bringen, dass Kinder die Könige der Medien sind. Sie sollen als "Herrscher" selber bestimmen, was sie wollen und die Medien sind "Diener", die zu ihren Bedürfnissen eingesetzt werden.

In wieweit ist Lesekompetenz ein Indikator für Medienkompetenz?

Karin Rösler: Wir haben einen sehr ganzheitlichen Lesebegriff. Lesen bedeutet, dass Zeichen entschlüsselt werden, welche eine Kultur für ihre Kommunikation nutzt. In unserem Konzept steht deshalb, dass ein Video anschauen oder eine Internetseite öffnen auch eine Form von Lesen ist. Lesefähigkeit kann so gesehen als die Basis für die Medienkompetenz angesehen werden. Die entwickelt sich am besten, wenn in frühester Kindheit vorgelesen wird.

Die Stadtbibliothek ist für viele Schülerinnen und Schüler aus der Nachbarschaft der ideale Ort zum Hausaufgaben machen.
<i>Die Stadtbibliothek ist für viele Schülerinnen und Schüler aus der Nachbarschaft der ideale Ort zum Hausaufgaben machen. </i>

Vorlesen im Dialog

Wenn Sie Eltern vom Vorlesen überzeugen müssten, was würden sie ihnen sagen. Was wird beim Vorlesen stimuliert?

Karin Rösler: Vorlesen ist unglaublich komplex. Zunächst einmal wird eine ganz starke Beziehung zwischen Kind und Vorleser/in aufgebaut. Das fördert Vertrauen und emotionale Wärme. Die Beziehung stimuliert die Synapsenbildung im Gehirn. Über die Freude und das Gefühl entwickelt sich das Gehirn weiter. Darüber hinaus erweitert Vorlesen die Sprachvielfalt und die Ausdrucksweise. Empathie und Vorstellungskraft werden geprägt. Unser Konzept ist das Vorlesen im Dialog. Kind und Vorleser/in erarbeiten sich über das Medium Buch – aber das kann ebenso ein anderes Medium sein – ein Bild der Geschichte.

Wie funktioniert das Vorlesen im Dialog?

Karin Rösler: Man liest ein Buch vor und unterhält sich darüber was man wahrnimmt. Es ist kein passives Zuhören, bei dem erst im Anschluss nachgefragt werden kann. Es ist ein gemeinsames interaktives Erleben der Geschichte. Der Vorleser muss auf das Kind eingehen und hören, wenn das Kind etwas nicht versteht. So hat das Kind die Chance, sich eine Meinung zu der Geschichte zu bilden.

Und wie kommt man vom Vorlesen zum Dialog?

Karin Rösler: Man kann fragen "Was meinst du dazu? Gefällt dir das? Soll ich weiterlesen?" Oder man sagt bei einer traurigen Geschichte, dass man das zu trist findet. Das sollte im besten Fall ganz automatisch passieren. Dazu muss man als Vorleser präsent sein und darf den Text nicht einfach runterlesen.

Melanie Padilla Segarra: Man sieht ja an den Reaktionen des Kindes, worüber es sich gerade Gedanken macht. Deswegen sollte man sich nicht nur auf die Geschichte konzentrieren sondern auch auf das Kind und seinen Gesichtsausdruck.

Ließe sich das Vorlesen im Dialog auch auf digitale Medien wie Spiele anwenden?

Karin Rösler: Natürlich!

<i>Fünftklässler bastelten mithilfe von Tablets eine Fotostory. Die Resultate sprühten vor Humor.
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Wozu Lese-Apps für Kinder nützlich sind

Mittlerweile gibt ja ganz tolle Apps wie die "Wörterfabrik", bei denen das Tablet den Kindern die Geschichte vorliest. Die Präsenz der Eltern entfällt aber hierbei.

Karin Rösler: Wenn man den Kindern das Gerät nur in die Hände drückt, dann kann man nicht von Präsenz reden. Besser wäre es, gemeinsam eine App anzuschauen. Die Forderung, dass die Beziehung gestärkt werden soll, gilt unabhängig vom Medium.

Melanie Padilla Segarra: Die Eltern sollten sich fragen, was der Nutzen einer App ist. Eine Vorlese-App ist nicht dazu nützlich, mein Kind für ein paar Minuten ruhig zu stellen, damit ich was anderes machen kann. Das kann zwar mal vorkommen, es sollte aber langfristig keine Lösung sein. Wenn das Kind gerade lesen lernt, kann so eine App durchaus nützlich sein. Bei einer App leuchten die Buchstaben in der richtigen Reihenfolge auf. Das ist hilfreich. Aber nicht bei einem Vierjährigen, der noch nicht lesen kann.

Was empfehlen sie Eltern, damit die Ausnahme – das Ruhigstellen mit einem Tablet – nicht zur Regel wird?

Melanie Padilla Segarra: Ich rate Eltern sich Zeit zu nehmen! Zeitnehmen bedeutet nämlich Wertschätzen und es hilft beim Übermitteln von Gefühlen! Die Mediennutzung sollte immer ein Dialog sein. Eltern sollten zu einem Medium eine kritische Distanz einnehmen können und sagen, wenn sie was blöd finden oder eine Handlung hinterfragen. Dem Kind Fragen zu stellen, führt dazu, dass es zur Mündigkeit erzogen wird. Das sollte aber auf Augenhöhe geschehen. Nur über ein Medium zu schimpfen ist nicht zielführend. Wichtig ist, dass die Eltern Interesse zeigen und die Kinder sich nicht allein gelassen fühlen.

Karin Rösler: Wir raten Eltern beim Tablet das gleiche wie beim Buch: Präsenz, Interaktion, Miteinander. Wie vorhin beim Vorlesen im Dialog erwähnt: Gut vorlesen bedeutet genau hinzuhören,  was vom Kind zurückkommt. Wie es auf ein Medium reagiert. Das gilt genauso für die App wie für das Buch.

<i>Bei der Gestaltung der Storyboards gaben sich die Fünftklässler besonders Mühe.</i>

Woran man gute Apps für Kinder erkennt

Woran unterscheiden sich gute Kinder-Apps von schlechten?

Melanie Padilla Segarra: Bei gut gemachten Apps, stehen meist bekannte Verlage dahinter. Öttinger- oder Carlsen-Verlag machen viel in diesem Bereich. Bei deren Apps steht der Inhalt im Vordergrund. Bei Apps, die aus der Spielebranche kommen, ist der Inhalt dagegen oft sehr platt. Da werden Apps als "Buch-Apps" deklariert, obwohl dahinter nur ein schlecht programmiertes Memory-Spiel steckt. Eine große Ausnahme ist "Die große Wörterfabrik", die von einem Multimedia-Anbieter herausgebracht wurde. Das ist eine sehr gut gemachte App.

Was macht eine gute Kinder-App aus?

Melanie Padilla Segarra: Der Inhalt! Dass da eine gute Geschichte dahintersteckt. Das Medium sollte in sich stimmig sein. Animationen können durchaus eine App aufwerten. Sie sollten aber nicht sinnlos sein, sondern im Kontext der Geschichte stehen. Genauso verhält es sich mit integrierten Spielen. Sie sollten zum Verständnis der Geschichte beitragen.

Karin Rösler: Die Kriterien zum Bewerten einer App sind die gleichen wie bei den Kinderbüchern. Gerade für den Erstlese-Bereich findet man unglaublich viele seichte Geschichten, die absolut austauschbar sind. Für Jungs gibt es tausendmal die gleiche Piratengeschichte. Das ist immer das gleiche. Das trifft aber genauso auf Apps zu.

Was lässt ein Angebot unter vielen hervorstechen?

Karin Rösler: Humor ist ein wichtiger Faktor, der Kindern dabei hilft, sich selber besser kennenzulernen. Wie bei Astrid Lindgren, wenn da die typische Kinderfreude präsentiert wird oder die Story einen richtig überrascht. Das muss eine App auch können. Sie muss einen irritieren können. Der Nutzer muss sich überrascht fragen "Huch, was passiert denn da?". Eine App sollte den Horizont erweitern, einem Impulse geben.

Die Stadtbibliothek Stuttgart gibt regelmäßig Medienempfehlungen heraus: Medientipps. Weiterhin empfahl uns Karin Rösler die Lesetipps der der Stiftung Lesen.

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