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Interview mit Prof. Dr. Roland Mangold

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Ausschalten Prof. Dr. Roland Mangold wünscht sich, dass wir wieder lernen, uns zu langweilen.

"Facebook macht schlechte Laune"

Der Medienpsychologe Roland Mangold ist Professor für Informations- und Kommunikationspsychologie an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Gegenwärtig befasst er sich mit den sozialen und emotionalen Rahmenbedingungen der Nutzung von Informationsmedien sowie mit dem menschlichen Erleben von Raum. Wir wollten von ihm wissen, wie die Nutzung sozialer Netzwerke und Narzissmus zusammenhängen.

Professor Mangold, bei so vielen technischen Möglichkeiten zur Selbstdarstellung heutzutage – droht uns eine selbstverliebte narzisstische Generation?

Es ist in der Tat so, dass die narzisstischen Tendenzen im Netz größer sind. Messinstrumente in der Psychologie, wie Persönlichkeitsfragebögen, zeigen, dass Facebook-User narzisstischer veranlagt sind. Ich würde das als Resonanz bezeichnen.

Netzwerke wie Facebook bieten Menschen mit narzisstischen Tendenzen eine Plattform,

auf der man sich weltweit darstellen kann. Andererseits wird das von den Nicht-Narzissten nicht goutiert bzw. sogar kritisiert. Das äußert sich durch das Nicht-Liken oder Nicht-Kommentieren. Es wirkt wie ein Korrektiv.

Wie würden Sie Narzissmus definieren?

Narzisstische Menschen interessieren sich mehr für Äußerlichkeiten und glauben, dass sie besser sind als andere Menschen. Sie sagen „Ich bin schöner!“ oder „Ich bin der bessere Problemlöser!“. Diese Tendenz nennt man „grandiose exhibition“. Die zweite Tendenz ist der Wunsch, Beifallsklatscher zu haben, Menschen die das eigene Darstellen gut finden und gut heißen. Solche Menschen können dann sehr aggressiv werden, wenn sie kritisiert werden, weil sie mit Kritik nicht umgehen können. Die dritte Tendenz ist, dass es sich meist um selbst-unsichere Menschen handelt.

Laut Ihrem Kollegen Maaz hat der Narzissmus seinen Ursprung in frühkindlichen Erfahrungen im Elternhaus. Könnte man über Soziale Netzwerke nicht auch sowas wie Aufmerksamkeit und Zuwendung im positiven Sinne erfahren oder kann es die elterliche Zuwendung nicht ersetzen?

Als älterer Medienpsychologe würde ich sagen, dass der direkte zwischenmenschliche Kontakt nicht durch Medien ersetzt werden kann. Nichtsdestotrotz kann ich mir positive Funktionen dieser Netzwerke vorstellen. Es gibt Indizien dafür, dass ich da auch meine Identität finden kann, indem ich poste und mich von anderen abgrenze. Ich kann meine Beziehung zu anderen Menschen klären. Ein wichtiges Motiv, die Netzwerke zu nutzen, ist die Verbundenheit mit anderen. Beispielsweise sind schüchterne Menschen sehr aktiv auf Facebook, weil sie hier Kontakte bekommen, die im Alltag gar nicht möglich wären.

Ihre Kollegin, Frau Professorin Stauber, hat von der Veralltäglichung der Selbstinszenierung gesprochen: am Frühstückstisch kann man sich via WhatsApp selbst inszenieren. Was sind die Risiken, sich so alltäglich zu inszenieren?

Ganz ehrlich? Ich glaube, dass die Risiken nicht so groß sind!

Menschen mit einer narzisstischen Neigung gab es schon immer,

genauso wie Menschen, die an Klatsch und Tratsch interessiert sind. Die haben jetzt alle eine technische Möglichkeit dazu. Was sich nicht geändert hat, sind die Menschen. Neu ist, dass man diese einfachen oder auch niederen Motive medial darstellen kann. Ich schrecke aber vor einem wertenden Urteil zurück. Ich glaube, dass die Sozialen Netzwerke ganz andere Risiken haben. Die machen zum Beispiel schlechte Laune.

Wie lässt sich das messen?

Man kann die Nutzer fragen, wie sie sich nach der Nutzung von Facebook gefühlt haben. Dabei kommt raus, dass sie sich danach schlechter fühlen. Die Nutzer vergleichen sich weltweit sozial, auch mit den narzisstischen Selbstdarstellern. Bei so einer großen Konkurrenz können sie nur schlecht abschneiden. Diesen Effekt nennt man in der Sozialpsychologie „upward comparsion“ – man vergleicht sich mit Menschen, die schöner und klüger sind. Da kann man nur verlieren!

Bei Befragungen stellt man fest, dass die Menschen unter den Sozialen Netzwerken leiden.

Prof. Dr. Roland Mangold bei seinem Vortrag "Selfies, Self?Tracker und Spornos – Risiken einer narzisstischen Gesellschaft".

Es gibt ein Zitat, das lautet „Wenn du unglücklich sein willst, dann vergleiche dich ständig mit anderen.“ Was hilft denn gegen den Druck, sich ständig vergleichen zu müssen?

Finde deine eigene Position heraus, probiere aus, wo du stehst und vergleiche dich auch mit anderen. Vergleiche dich aber realistisch! Wir können alle etwas und sollten deshalb nicht die Attraktivität in den Vordergrund rücken. Es gibt auch innere Werte. Die inneren Werte erkennen sie aber viel schwerer in den Sozialen Netzwerken. Ein Selfie ist dagegen schnell gepostet.

Laut Herrn Maaz wissen gesunde Menschen, wer sie sind und wer nicht. Wo lernen heutzutage Heranwachsende, das sie so sind, wie sie sind und dass das so gut ist?

Am besten lernen sie das durch Rückmeldungen. Man muss ausprobieren, ob man eine überhöhte Selbsteinschätzung von sich hat. Ich persönlich glaube, dass der reale Kontakt am besten geeignet ist. Wenn ich in den Sportverein gehe, dann weiß ich, wo ich stehe, indem ich mich mit anderen vergleiche. Ich finde den massenhaften sozialen Vergleich in Sozialen Netzwerken schwierig. Bei einem sozialen Vergleich redet man normalerweise von einem Vergleich unter Ähnlichen. Man sollte sich mit Menschen vergleichen, die in einer ähnlichen Situation sind. Das wäre in einer kleinen Facebook-Gruppe von Freunden, die sich sogar persönlich kennen, möglich. Wenn ich mich aber mit David Backham oder Ronaldo vergleiche, dann kann ich nur verlieren. Für mich wäre der alltägliche Vergleich der gesündere.

In welchem Umfeld lernen die Kinder am besten, die inneren Werte zu entwickeln?

Bei den Eltern auf jeden Fall! Wenn aber die Eltern dauernd im Netz sind und sich selber vergleichen, dann ist das ein schlechtes Vorbild. Wenn Eltern wissen, wer sie sind, dann ja.

Kinder übernehmen von den Eltern die Einstellung zum Netz.

Wir haben vor zwei Jahren eine Studie gemacht. Dabei kam überraschenderweise raus, dass sich die Einstellung der Eltern zu Online-Werbung auf die Kinder überträgt. Der Umgang mit den Medien und die Medienkompetenz der Eltern sind entscheidend für die Kinder. Man darf das nicht alles auf die Schule schieben!

Was passiert also, wenn der Vater abends andauernd mit dem Smartphone die News anschaut?

Dann nimmt der Kleine auch sein Smartphone, setzt sich daneben und sie reden nicht mehr miteinander. Warum stecken wir in der Straßenbahn dieses Ding nicht mal weg?

Warum stehen wir ständig unter dem Zwang, das Smartphone auszupacken? Wir könnten das endlich mal in der Tasche lassen und anfangen, selber nachzudenken!

Es gibt von Gardener und Davis ein schönes Buch über die App-Generation, das beschreibt, dass unsere Kreativität nachlässt. Die Autoren behaupten, dass das daran liegt, dass sich Menschen nicht mehr langweilen. Jede Rot-Phase an der Ampel wird damit überbrückt, Kontakte mit anderen zu haben. Lass uns doch wieder mal langweilen!

Wie kann man Langeweile lernen?

Also ich genieße Langeweile. Dann fang ich an, nachzudenken und komme auf Ideen. Man sollte Kindern zeigen, wie sie aus Karton eine Burg bauen können, wenn sie Langeweile haben. Oder mit Steinen. Man muss das erfahrbar machen, damit spielen und zeigen, wie es besser geht!

Mein Vater hat mir am Strand erfundene Geschichten erzählt.

Super! Sie könnten am Strand auch mit dem Tablet zusammen mit den Kindern eine Bilderbuchgeschichte anschauen. Aber dann fehlt ja das Haptische. Blättern Sie doch mal auf einem E-Book-Reader um!

Wir danken für das interessante Interview!

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