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Krieg: Was Kinder über Medien erfahren und wie Erwachsene darauf antworten

„Papa, gibt’s bei uns auch Krieg?“ Was Kinder über Medien erfahren und wie Erwachsene darauf antworten

Krieg Wie können Erwachsene und Erziehende für Sicherheit und Schutz sorgen, wenn Kinder mit Dingen konfrontiert werden, die sie überfordern und verängstigen? (Bild: Антон Дмитриев, Unsplash)

In schwierigen Zeiten gibt es keine leichten Antworten. Besonders, wenn Kinder mit Dingen konfrontiert werden, die sie überfordern und verängstigen. Doch wie können Erwachsene und Erziehende für Sicherheit und Schutz sorgen?

Immer, wenn globale Krisen und Kriege in den Medien abgebildet werden, wird gemeinhin empfohlen, mit Kindern darüber zu sprechen und ihnen zu helfen, die Bilder zu verarbeiten. Wenn die Krisen und Kriege immer näher an die eigene Haustüre herankommen, fragen sich Eltern, ob es damit getan ist. Grundsätzlich stellen sich mehrere Fragen, auf die keine leichten Antworten zu finden sind:

  • Gehen Eltern selbst souverän mit der medialen Berichterstattung um?
  • Verkörpern sie Schutz und Besonnenheit in Krisenzeiten?
  • Sind Eltern in der Lage, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden?
  • Wie weit müssen Eltern ihren Kindern die grausame Realität durch Geschichten und Ausreden (wie beim Film „Das Leben ist schön“) erträglicher machen?

Der Text soll keine vollständige erzieherische Anleitung bieten, wie Eltern mit Krisen umgehen. Dafür würde es den Rahmen sprengen. Er soll aber Hilfestellungen geben, worauf Eltern u. a. beim Medienumgang achten sollen.

Eigenen Medien- & Nachrichten-Konsum beherrschen

Unter dem Anglizismus „Doomscrolling“ berichten Medienmacher davon, dass sie vor lauter Flut an Bildern und Nachrichten aus dem Scrollen nicht mehr herauskommen. Endlos-Feeds („Auflistungen“) auf Nachrichtenseiten oder auf Apps wie Instagram verschlimmern diesen Effekt. Diese Erfahrung hatten bereits viele Erwachsene während der Corona-Pandemie gemacht, sie wiederholt sich aber bei jedem neuen globalen Katastrophen-Ereignis. Aufgepasst: Die gleiche mediale Sogwirkung erleben Kinder auf sozialen Medien, nur sind ihre Interessen anders gelagert. Der Ratgeber FLIMMO appelliert deshalb an die elterliche Vorbildfunktion und schreibt:

„Manchmal ist es besser, sich aus dem Strom von Informationen ganz auszuklinken. Statt im TV oder im Internet ständig dranzubleiben, ist es in vielen Fällen vernünftiger, den normalen Alltag zu leben. Kinder brauchen aber das Gefühl, dass sie informiert werden, wenn es darauf ankommt. Am besten mit etwas zeitlichem Abstand gemeinsam kindgerechte Informationsangebote nutzen.“ 

Als Alternative zu Smartphone und Tablet können in medialen Ruhepausen bewusst Brettspiele, Bücher oder Instrumente ausgepackt werden. So wird verhindert, dass die schlechten Nachrichten einen immer und überall verfolgen. Der Umgang mit der „realen Welt“ schützt und stärkt die psychische Gesundheit. Gleichzeitig sorgen nicht-mediale Erlebnisse für Ruheoasen, Entschleunigung und fördern das Gemeinschaftsgefühl als Familie.

Eigene Gedanken reflektieren

Ein altes Sprichwort sagt, dass die Worte im Mund den Reichtum des Herzens offenbaren. Was (und vor allem wie Eltern) über Dinge reden, offenbart Kindern, was in ihren Eltern vorgeht. Haben meine Eltern Angst? Was wissen sie und wollen es nicht sagen? Eltern, die sich dessen bewusst sind, verstehen, dass Kinder wie ein Spiegel auf ihre eigene Ruhe oder Nervosität wirken. Auf lange Sicht gilt es eigene Gedanken zu reflektieren, auszusortieren und bei bestimmten innerlichen Reflexen „Nein“ zu sagen (bzw. zu denken). Wichtiger Punkt: Für das Reflektieren sind Aus- und Ruhezeiten essenziell.

Einen Plan haben: Was möchte ich meinem Kind vermitteln?

„Papa, gibt’s bei uns auch Krieg?“: Die Fragen der Kinder kommen unerwartet und in unpassenden Momenten. Wer reflexartig antwortet, läuft Gefahr, dass die Gesprächssituation eskaliert oder dass man sich für die eigenen Worte schämt. Für schwierige Fragen zu Themen wie Tod, Krankheit, Krieg oder Sexualität lohnt es sich Zeit zu nehmen: sowohl präventiv, um sich zu überlegen, welche Haltung man dazu hat und welche man seinen Kindern vermitteln will, zum anderen beim Gespräch mit den Kindern. Dieses sollte nicht zwischen Tür und Angel (und Smartphone-Gebimmel) stattfinden, sondern bei einer Tasse heißer Schokolade und geduldiger Zuwendung. Zur inneren Vorbereitung können Eltern folgende Sätze vervollständigen:

  • „Mein Kind soll wissen, dass ….“
  • „Wenn mein Kind älter wird, soll es sich daran erinnern, dass ich ihr / ihm gezeigt habe, …“
  • „Ich will meinem Kind zeigen, dass, wenn es darauf ankommt, …. wichtig ist.“

Um diese Fragen praxisnah zu beantworten, können Eltern gemeinsam mit den Kindern überlegen, was von Krieg betroffenen Familien benötigen und wie man selbst ihnen helfen kann: Z. B. durch Spenden, Hilfsangebote vor Ort oder Unterstützung von Flüchtlingsunterkünften. Das hilft den Kindern, sich nicht so machtlos zu fühlen.

Wie können Eltern unvorstellbar Schlimmes thematisieren?

Bereits in der Einleitung wurde die Frage gestellt, ob Eltern in Krisenzeiten die Wahrheit verharmlosen sollen, damit Kinder schwierige Erlebnisse besser verarbeiten können – so wie beim extremen Beispiel im Film „Das Leben ist schön“. Im Plot des Filmes erklärt Vater Guido seinem Sohn Giosué, dass ihr grausames Leben im Konzentrationscamp nur ein Spiel ist, um einen Panzer zu gewinnen. Der Film wirft die Frage auf, wie weit Kinder und ihre Gedankenwelt vor der Realität geschützt werden müssen.

Eltern können dieses Dilemma nur im Einzelfall und je nach Reife des Kindes beantworten. Zwar sind Kinder immer neugierig darauf zu wissen, was in der Welt passiert. Letztendlich sind aber Beziehungsinformationen wichtiger als Sachinformationen. Also Antworten auf die Fragen: Was passiert jetzt mit uns? Was macht das Ereignis mit unserer Familie? Und wird mein Vater / meine Mutter weiterhin für mich da sein? Antworten auf diese Fragen können Eltern in Gesprächen rund um Sachthemen einfließen lassen. 

Über die psychologischen Effekte der sozialen Medien aufklären

Zur Medienkompetenz gehört auch, die beschleunigende Wirkung von sozialen Medien zu verstehen. Durch Übertreibungen, (missverständliche) Visualisierungen und Wiederholungen verstärkt sich leider die emotionale Wirkung von Nachrichten. Viele der Meldungen, die wir über soziale Medien empfangen, sind voll davon. Erwachsenen müssen Nicht-Nachrichten als das entlarven, was sie sind: Meinungen, Übertreibungen und Stimmungsmache oder sogar Falschnachrichten. Dann gilt es, bewusst auf Kanäle zu verzichten, die mehr verunsichern als aufklären. Über die negativen Auswirkungen von Übertreibungen und Falschnachrichten sowie der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Medien (ständig neue Nachrichten produzieren zu müssen) sollten Eltern ihre Kinder – je nach Reifegrad – aufklären.

Nicht abwiegeln

Kein „Das verstehst du noch nicht“ oder „Das ist nur ein Thema für Erwachsene“! Kinder wollen mit ihren Fragen und Ängsten ernst genommen werden, was für die meisten Eltern offensichtlich ist. Leider erwischen Kinder ihre Eltern auf dem falschen Fuß oder im falschen Moment, was diese in Verlegenheit bringt. Das ist auch nicht weiter schlimm. Aber anstatt einer ausweichenden Antwort kann mit aller Ernsthaftigkeit gesagt werden: „Das ist ein sehr wichtiges Thema, was mich auch beschäftigt. Wie wär’s, wenn wir nachher (heute Nachmittag beim Spazieren, heute Abend) darüber reden?“ Das hilft dabei, sich zu sammeln und wie oben beschrieben über die Antworten nachzudenken.

Rituale, die Geborgenheit schaffen

Rituale helfen dabei, Orientierung und Geborgenheit zu schaffen – insbesondere in Zeiten von Krisen und Verunsicherung. Der wiederholte Ausdruck von Liebe erzeugt einen wirksamen Gegenpol zur bewegten (medialen) Außenwelt. Hier ein paar Ideen:

  • Vor dem Schlafengehen eine Gutenachtgeschichte oder ein Gutenachtlied
  • Beim Abendessen, das gemeinschaftliche Auf-den-Tisch-Trommeln (oder Aufräumen)
  • Jedes Wochenende zusammen eine Runde XY zocken
  • Allabendlich ein gemeinsames Brettspiel
  • Vor dem Abschied zur Schule ein Mutmacher-Spruch

Für gute Beziehungen sorgen

Ehekrach, nervige Verwandte oder Kollegen: All dies belastet und verstärkt schwere Ereignisse auf unterschwellige Weise. Private Negativ-Erlebnisse werden auf die Weltereignisse übertragen („Jetzt passiert auch das noch!“) und umgekehrt („Die Welt besteht nur noch aus Idioten“).

Umgekehrt können gesunde Beziehungen in Familien und Arbeit für Sicherheit, Geborgenheit und Orientierung sorgen. Zwar weiß heutzutage jeder Teenager, was eine „toxische Beziehung“ ist. Die Fähigkeit, gesunde Beziehungen zu kultivieren und zu bewahren, ist trotzdem wichtiger.

Die vielleicht einfachste und effektivste Maßnahme, mit globalen Krisen umzugehen, besteht darin, private Krisen zu lösen: in dem man Hilfe anbietet, zuhört, Aufmerksamkeit schenkt, sich ausspricht, miteinander Zeit verbringt oder sich für Dinge entschuldigt.

Stand: März 2022

Weiterführende Informationen

Über den Autor

Christian Reinhold ist seit über 10 Jahren Redakteur der Initiative Kindermedienland. Privat fotografiert er leidenschaftlich gern und spielt Gitarre.