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Twitch & Gaming: Ein Hobby nur für Erwachsene?

Twitch & Gaming: Ist die Streaming-Plattform wirklich für Heranwachsende geeignet?

Krieg Die Streaming-Plattform Twitch ist nur bedingt für Heranwachsende geeignet. Doch was für Alternativen gibt es? (Bild: ELLA DON, Unsplash)

Gronkh, aufblasbare Badewannen und die Reichsbürger von nebenan – und was das mit Twitch zu tun hat 

Was früher der Raucherpausenhof war, findet jetzt auf Twitch statt. Hier können jüngere Gaming-begeisterte Heranwachsende mit älteren Menschen „abhängen“ und digital an ihren Meinungsbildern partizipieren. Doch muss das wirklich sein? Und was für Alternativen gibt es?  

Was ist Twitch?

Twitch ist eine Streaming-Plattform. Streaming bedeutet, dass jeder, der einen internetfähigen PC sowie eine Webcam besitzt, auf Twitch auf Sendung gehen kann. Vor allem Jugendliche, die sich für digitale Spiele begeistern, nutzen Twitch, um einander beim Spielen zuzuschauen.

Was ist an Twitch so großartig?

Oberflächlich betrachtet kann es für Erwachsene nichts Langweiligeres geben, als ein Fernsehprogramm bzw. Stream, in dem Computerspiele laufen. Doch was finden Kinder daran so spannend? Wissenschaftlich betrachtet erfüllt Twitch alle Zielfunktionen einer „erfolgreichen“ Freizeitgestaltung: Rekreation, Kompensation, Edukation, Kontemplation, Kommunikation, Integration, Partizipation sowie Entkulturation. Mit anderen Worten können Kinder auf Twitch:

  • sich erholen,
  • Ablenkung erfahren,
  • ihr Wissen (bzgl. Spiele) erweitern,
  • sich selbst erfahren,
  • sich anderen mitteilen,
  • mit anderen Gemeinschaft erleben,
  • sich an Aktivitäten beteiligen
  • und an kulturellem Leben teilnehmen.

Welche Inhalte werden auf Twitch angeboten?

Neben Gamern streamen auf Twitch auch Küchenchefs, Fitness-Coaches, DJs, Hobbybastler oder Influencer, die über Politik oder Privates plaudern. Unter dem Kürzel „IRL“, was für „in real life“ steht, streamen auch leicht bekleidete junge Frauen aus ihren Wohnzimmern. Sogenannte „Booby Streamer“ oder „Hot-Tub-Streamerinnen“ prostituieren sich hier visuell und fordern ihre Zuschauer indirekt zu Spenden von Twitch-Guthaben auf. Diese Kanäle werden in der Twitch-Szene kritisch diskutiert, da deren Kanalbeschreibungen auf Hardcore-Pornografie-Angebote bei OnlyFans weiterleiten.

Für Jugendliche sind dennoch Gamer deutlich interessanter als Badewannen. Streamer auf Twitch haben unter Jugendlichen mittlerweile Kultstatus und Namen wie „Montana Black“, „Gronkh“ oder „Knossi“ kennt jeder Pubertierende so gut wie unsereins Puff Daddy, Freddy Mercury oder Britney Spears. In Zahlen: Bekannte deutschsprachige Streamer erreichen mit ihren Kanälen über Millionen von Followern, von denen durchschnittlich zehn- bis zwanzigtausend in jedem Stream zugeschaltet sind.

Für Heranwachsende sind Streamer der Inbegriff für nahbare, nachahmenswerte und vorbildhafte Erwachsene. Für manche Kinder funktioniert Montana Black als imaginärer größerer Freund, der einem in „Fortnite” begegnen und Tipps geben kann, wie man mit Mobbing an der Schule fertig wird.

Welche Risiken gehen von Twitch aus?

Wie bei vielen digitalen Medienangeboten, die sich indirekt an Jugendliche richten, gehen auch von Twitch eine Reihe von Risiken aus:

  1. Bei Twitch handelt es sich um ein Live-Medium, in dem Unvorhergesehenes passieren kann. Neben Computerspielen werden leider auch sexistische Kommentare im Live-Stream oder verfassungswidrige Themen gesendet. Im schlimmsten Fall erleben Zuschauerinnen und Zuschauer die Übertragung eines Amoklaufes: So streamte der antisemitische Attentäter von Halle seinen fehlgeschlagenen Angriff auf eine Synagoge und den anschließenden Mord an zwei Menschen live auf Twitch.
  2. Auf Twitch werden Inhalte ausgestrahlt, die für Jugendliche nicht geeignet sind. Dazu zählen, die oben erwähnten Kanäle leichtbekleideter Frauen, aber auch Kanäle mit extremistischen Einstellungen. Mick Prinz vom Projekt Good Gaming der Amadeu Antonio Stiftung berichtet über „Twitch-Kanäle, die verschwörungsaffine Pressschauen anbieten und die Qanon-Erzählung reproduzieren“ sowie über Twitch geteilte „zuweilen antisemitische Inhalte von Imageboards“.
  3. In den Chats der Twitch-Kanäle sind sogenannte Flüsternachrichten möglich, die nicht öffentlich sind und nur von Sender sowie Empfänger lesbar sind. Das ist ein potenzielles Einfallstor für Cybermobbing oder -grooming.
  4. Die Nutzung von Twitch ist nur begrenzt kostenlos und birgt eine Reihe von Kostenfallen, insbesondere für Heranwachsende. Dazu zählen Abo-Optionen, welche Zusatzfunktionen wie Abzeichen und Emoticons bieten sowie die Möglichkeiten, an Streamer zu spenden.
  5. Bei der Nutzung von Twitch kann der Zeitaufwand schlecht eingeschätzt werden. Da es sich um ein unvorhersehbares Live-Medium handelt, ist eine Unterbrechung für Jugendliche genauso nervig, wie für Väter das abrupte Ausschalten des Fernsehers während des WM-Finales.

Bekannte Streamer geben schlechte Vorbilder ab. Montana Black wurde schon mehrfach in Twitch gebannt, u. a. weil er „Frauen in einem Stream mit Hunden verglich“ oder illegal Werbung für Casino-Seiten streamte.

Welche Jugendschutzeinstellungen gibt es auf Twitch?

Für Zuschauer ohne Nutzer-Account keine. Jeder Sechsjährige, der ein Smartphone bedienen kann, ist in der Lage, sich jeden Twitch-Stream anzuschauen. Altersabfragen von Twitch können durch Bestätigen weggeklickt werden. Eltern sollten sich daher überlegen, ob sie – je nach Reife des Kindes – die Installation von Apps auf Smartphone und Tablets verhindern. Wie das geht, erfährt man auf www.medien-kindersicher.de. Darüber hinaus ist der Einsatz von Jugendschutzprogrammen erwägenswert. Hiermit lassen sich ganze URLs wie www.twitch.tv mithilfe einer Blacklist filtern.

Wenn Heranwachsende über einen eigenen Twitch-Account verfügen dürfen, sollten folgende Einstellungen bearbeitet werden:

  • für den Twitch-Account ein sicheres Passwort wählen
  • den automatischen Chat-Filter aktivieren
  • Flüsternachrichten von unbekannten Personen blockieren
  • Erhalten von Geschenken blockieren

Darüber hinaus sollten Heranwachsende Funktionen kennen, mit denen Kanäle und Nutzer gemeldet oder blockiert werden können.

Was können Eltern tun?

Die Altersangabe von Twitch zunutze machen

Dass Twitch erst ab 13 und ohne Erlaubnis der Eltern ab 18 erlaubt ist, ist ein ideales Argument dafür, dass Eltern ihre Kinder bei der Nutzung begleiten bzw. sich von ihren Kindern erklären lassen, weshalb die Nutzung von Twitch so unentbehrlich ist.

Gut zuhören

Eltern, die ihren Kindern gut zuhören, verstehen auch, was in deren Gaming-Welt vor sich geht. Leider schalten Eltern gerne ab, wenn sie das Gefühl beschleicht, die Jugendworte – speziell mit Gaming-Bezug – nicht zu verstehen. Wie bei einer Fremdsprache baut sich der Wortschatz aber dadurch auf, bewusst zuzuhören. Die Chance, auch Probleme oder kritische Mediennutzung zu erkennen, steigt mit dem aktiven Zuhören.

Gemeinsam Twitch erleben

Eltern können sich erklären lassen, wie Twitch funktioniert und warum welche Kanäle so interessant für ihre Kinder sind. Das ist für Erwachsene sehr lehrreich und Kinder werden sich wiederum wertgeschätzt fühlen, wenn das Interesse ernst gemeint ist.

Sich mit Alterskennzeichen auseinandersetzen

Viele der Spiele, die auf Twitch gestreamt werden, richten sich an ein älteres Publikum, wie es sich z. B. Streams vom Rollenspiel „Elden Ring“ oder vom Ego-Shooter „Counter-Strike: Global Offensive“. Beide Spiele wurden von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (kurz USK) erst ab 16 Jahren freigegeben. Wenn sich Kinder mit solchen Streams beschäftigen, kann das darauf hindeuten, dass sie bereits solche Spiele ausprobiert haben. Die USK bietet übrigens keine pädagogischen Empfehlungen, sondern nur Einschätzungen für die Alterstauglichkeit.

Alternativen anbieten

Computer, Smartphone und virtuelle Welten sind nur eine von vielen Möglichkeiten, die Welt zu erschließen, Freundschaften zu pflegen oder Abenteuer zu erleben. Eltern sollten darauf achten, dass nicht nur die digitalen Varianten den Alltag der Kinder prägen. Die Freude am Malen, Musizieren, Basteln, Kochen, Brettspielen oder Bergsteigen muss Kindern und Jugendlichen vorgelebt und ermöglicht werden.

Stand: März 2022

Weiterführende Informationen

Über den Autor

Christian Reinhold ist seit über 10 Jahren Redakteur der Initiative Kindermedienland. Privat fotografiert er leidenschaftlich gern und spielt Gitarre.