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Minecraft: Kann ein pädagogisch wertvolles Spiel auch mal ausarten?

Minecraft: Kann ein pädagogisch wertvolles Spiel auch mal ausarten?

Minecraft Kann ein pädagogisch wertvolles Spiel auch mal ausarten? (Bild: Maxine yang, Unsplash)

Der Minecraft-Boom ist auch noch über zehn Jahre nach der Veröffentlichung unaufhaltsam. Besonders während der ersten Pandemie-Phase haben viele Kinder Minecraft ausprobiert. Doch was, wenn ein pädagogisch wertvolles Spiel zu Hause ausartet?

Wenn Heranwachsende ihr erstes richtiges online-basiertes Computerspiel anfangen, handelt es sich meist um Minecraft. Hinter FIFA ist Minecraft das zweitbeliebteste Spiel bei den 6- bis 13-Jährigen.

Doch wie konnte ein Spiel mit Retro-Grafik und ohne klares Spielkonzept so populär werden? 2009 kam Minecraft als Java-basiertes Experiment auf den Markt und galt für einige Zeit als Geheimtipp. Aber erst als Microsoft Minecraft 2014 für 2,5 Milliarden US-Dollar aufkaufte, wurde das Spiel systematisch ausgebaut und dadurch unter Kindern international bekannt gemacht. Mittlerweile nutzen weltweit über 140 Millionen aktive Spielerinnen und Spieler das Open-World-Game und insbesondere während des Corona-Ausbruchs stieg in einigen Ländern die Minecraft-Nutzung signifikant an.

Warum ist Minecraft so beliebt?

Minecraft unterscheidet sich von vielen anderen Games dadurch, dass Spielerinnen und Spieler kein festes Ziel verfolgen müssen oder im direkten Wettbewerb zueinanderstehen. Das Spielprinzip lässt sich wie ein globaler digitaler Sandkasten verstehen, in dem jeder mit Pixel-Bausteinen seine eigenen Sandburgen bauen darf. Das vorrangige Motto lautet „Ich bin hier der Boss!“ Spielerinnen und Spieler dürfen mit unendlichen Möglichkeiten die eigene Spielwiese verändern. Wie im echten Leben (im Post-Industriealter) geht es um ein schöpferisches (Über-)Leben: Erde, Holz und Steine werden weiterverarbeitet. Nahrungsmittel werden angebaut und geerntet. Und Nutztiere wie Schafe, Schweine und Hühner werden gehalten, gepaart und verwertet.  

Der fehlende Wettbewerb fördert die intrinsische Motivation. Das Spiel mit seinem riesigem Gestaltungsfreiraum regt die Kreativität an und verlangt, eigenständig Lösungen zu entwickeln. Der hohe Grad an Selbstwirksamkeit ist besonders in der Präpubertät besonders wichtig.

Durch sein Variantenreichtum ist Minecraft für Intro- und Extrovertierte gleichermaßen attraktiv: Man kann Minecraft entweder allein oder im Team spielen.

Was benötigen Kinder, um Minecraft zu spielen?

Minecraft kann praktisch auf jeder Plattform gespielt werden: auf dem PC, auf dem Smartphone (Android oder iPhone) sowie auf der Xbox oder Playstation. Für die PC ist ein halbwegs leistungsstarker Rechner vonnöten, weshalb ein erstmaliges Probespiel der Testversion ratsam ist.

Ab welchem Alter kann Minecraft gespielt werden?

Minecraft hat von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle eine Empfehlung ab 6 Jahren bekommen. Laut Spieleratgeber NRW ist diese Empfehlung für den Abenteuer- und Kreativ-Modus unproblematisch. Beim Überlebens- und Hardcore-Modues könnte aber ein höheres Alter ratsam sein.

Wie wird Minecraft pädagogisch beurteilt?

Mit Ausnahme der Stiftung Warentest, welche u. a. die In-App-Käufe, den Datenschutz sowie die Möglichkeit, Verstöße zu melden, als inakzeptabel bewertet, haben Experten Minecraft durchgehend positiv beurteilt. Der Spieleratgeber NRW schreibt über Minecraft,

„es macht Spaß, ist faszinierend und schränkt den Spieler nur durch seine eigene Kreativität ein - was viele Lernmöglichkeiten bietet und es in unseren Testergruppen äußert beliebt macht. Durch die umständliche Steuerung, die unübersichtlichen Menüs und fehlende Hilfen muss besonders jüngere Kinder das Spiel von einem Erwachsenen erklärt werden, dann ist es jedoch eine moderne Legokiste für Kinder und Jugendliche ab sechs Jahren.“

Drüber hinaus versuchen manche Schulen mit Minecraft ihren Unterricht zu gestalten. Microsoft hat für pädagogische Nutzung speziell eine Minecraft Education Edition herausgebracht. Das Landesmedienzentrum bietet für Baden-Württembergische Schulen Minetest an, um zeitgemäße Bildung mittels Game-Based-Learning zu fördern.

Alles Wissenswerte über Game-Based-Learning

Welche Risiken gibt es in Minecraft?

Wie bei jedem online-basierten Multiplayer-Spiel kann es auch in Minecraft zu negativen Erlebnissen kommen. Dazu zählen:

Nichtsdestotrotz ist die Minecraft-Community darum bemüht, für eine möglichst familienfreundliche Atmosphäre zu sorgen. Spezielle Server richten sich mit ihrem Angebot direkt an Familien.

Tipps für Eltern

Gut zuhören

Eltern, die ihren Kindern gut zuhören, verstehen auch, was in deren Medienwelt vor sich geht. Leider schalten Eltern gerne ab, wenn sie das Gefühl beschleicht, die Jugendworte – speziell jene mit Gaming-Bezug – nicht zu verstehen. Wie bei einer Fremdsprache baut sich der Wortschatz aber dadurch auf, bewusst zuzuhören. Die Chance, auch Probleme oder kritische Mediennutzung zu erkennen, steigt mit dem aktiven Zuhören.

Gemeinsam Minecraft erleben

Eltern können sich erklären lassen, wie Minecraft funktioniert und welcher Spiele-Modus interessant für ihre Kinder ist. Das ist für Erwachsene sehr lehrreich und Kinder werden sich wiederum wertgeschätzt fühlen, wenn das Interesse ernst gemeint ist.

Nutzungszeiten

Minecraft kann sehr zeitaufwendig werden. Vor allem bei größeren Bauvorhaben verfliegen die Stunden wie im Flug. Wichtig für Eltern: Minecraft lässt sich im Multiplayer-Modus nicht anhalten oder pausieren, da es ein Online-Spiel ist. Bevor Ihr Kind das Spiel verlässt, muss es einen sicheren Ort finden, an dem es nicht von anderen Spielern angegriffen werden kann. Das bedeutet, dass spontane Unterbrechungen, z. B. wegen der Hausaufgaben oder Mahlzeiten, zu Konflikten führen können. Nur im Single-Player-Modus – der deutlich unattraktiver ist – lässt sich mit der Esc-Taste das Spiel pausieren.

Regeln aufstellen

Um die Nutzungszeiten in den Griff zu bekommen, sollte unbedingt zusammen mit dem Kind ein Regelwerk aufgestellt werden. Darin wird festgelegt, wie die Nutzungszeiten ausfallen, wie mit persönlichen Daten umzugehen ist und dass sich die Spielzeit nicht auf die Erledigung der Hausaufgaben auswirken darf. Der Minecraft-Vertrag, der erstmalig in Richard Eisenmengers Buch „Der Minecraft-Coach für Eltern“ erschienen ist, bietet eine ideale Vorlage für ein schriftlich festgelegtes Regelwerk.

Risiken thematisieren und Lösungen anbieten

Zuerst müssen Kinder für oben genannte Risiken sensibilisiert werden und gleichzeitig auch Lösungsvorschläge vermittelt werden:

  • Nicht glauben, dass hinter dem Chat-Partner die Person steckt, die vorgegeben wird.
  • Beleidigungen und Fragen nach Wohnort oder Telefonnummer sind tabu.
  • Zeigen, wie der Hilfe-Button und die Ignorier-Funktion funktionieren.
  • Zeigen, wie man Beleidigungen mit Screenshots dokumentieren kann.
  • Zeigen, dass man sich beim Server-Betreiber beschweren kann.

Sicherheitseinstellungen aktivieren und kinderfreundliche Minecraft-Server verwenden

Wenn Minecraft auf einer Spielekonsole wie einer Playstation oder X-Box gespielt wird, sollten die Sicherheitseinstellungen aktiviert werden. Weitere Einstellungen finden Eltern auf www.medien-kindersicher.de. Darüber hinaus sollte bei der Wahl der Server darauf geachtet werden, dass diese moderiert werden und sich speziell an Kinderrichten. Auf Eltern-Foren wird diskutiert, welcher Server den Anforderungen entspricht oder ob ein eigener Server zielführender ist.

Stand: April 2022

Weiterführende Informationen

Über den Autor

Christian Reinhold ist seit über 10 Jahren Redakteur der Initiative Kindermedienland. Privat fotografiert er leidenschaftlich gern und spielt Gitarre.