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Keine Ausreden mehr | 7 Gründe, warum Eltern sich nicht mit Smartphone und Co. auseinandersetzen (wollen)

Keine Ausreden mehr: 7 Gründe, warum Eltern sich nicht mit Smartphone und Co. auseinandersetzen (wollen)

Ausreden Wir haben die sieben größten Hürden identifiziert und zeigen Lösungen auf, wie diese zu meistern sind.

Zu wenig Zeit, zu komplizierte Technik, zu konfliktreich – die Gründe, sich vor dem Hinterfragen der Mediennutzung der eigenen Kinder zu drücken, sind vielfältig. Wir haben die sieben größten Hürden identifiziert und zeigen Lösungen auf, wie diese zu meistern sind.

Wenn man mit Eltern über digitale Medien spricht, ist meistens eine allgemeine Besorgtheit zu erkennen – gepaart mit Zweifeln darüber, welche Haltung gegenüber „Digitalen Medien und Kinder“ die richtige ist. „Man kann ja die digitalen Medien nicht einfach verbieten“ ist von liberalen Eltern zu hören, während konservative Eltern behaupten, dass sie „die Smartphone-Nutzung erst so spät wie möglich erlauben“ wollen. Zwischen diesen beiden Polen entscheiden zu müssen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit. 

Doch nicht nur dieses Dilemma sorgt dafür, dass der Umgang mit den digitalen Medien ein unbeliebtes Erziehungsthema bleibt. Die bewusste Auseinandersetzung mit digitalen Medien wird von einer Reihe von Einflüssen verhindert. Wir wollen die typischen Konflikte aufzeigen und mögliche Lösungen anbieten.

Zeit- und Prioritätenproblem

Das häufigste Problem: Wann sollen sich Eltern mit digitalen Medien auseinandersetzen? Mit Hausaufgaben, Freizeitaktivitäten sowie gesunder Ernährung sind Eltern genug bedient. Das Smartphone und das Tablet sollen doch den Alltag erleichtern – z. B. wenn man in stressigen Situationen ein kinderfreundliches Entertainment-Programm hervorzaubern kann. Und jetzt sollen Eltern sich kritisch damit auseinandersetzen?

In der Tat kostet die gezielte Auseinandersetzung mit dem Thema einiges an Zeit und Ressourcen: Regeln vereinbaren und durchsetzen, die Kinder bei der Mediennutzung begleiten, geeignete Apps und Medienangebote aussuchen – all das mündet in „Überstunden“. Dass sich die Extra-Meile lohnt, merken Eltern erst zeitversetzt: z. B. wenn Kinder selbstständig auf Eltern zukommen, wenn mal was im Internet schiefläuft oder wenn Kinder ihre Eltern fragen, ob sie Lust auf eine Runde „Mario Kart“ haben.

Die eigene Mediennutzung zu reflektieren, kann für Eltern sehr bereichernd sein – wenn daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden. Dazu zählt, soziale Medien sparsamer einzusetzen oder Smartphone-Benachrichtigungen abzuschalten. Wenn Familien klare Regeln einführen, wie z. B. dem Smartphone-Verbot beim Essen oder vor dem Schlafengehen, kann das den Familienalltag für alle entschleunigen und bereichern. Nicht allein Verbote, sondern auch das bewusste Medien-Miteinander erfrischen den Familienalltag: z. B. bei gemeinsamen Filme-Abenden mit Popcorn oder mit Games, die im Multiplayer-Modus gespielt werden können. Abwechslung, Unterhaltung und unzählige Gesprächsthemen sind vorprogrammiert!

Fehlendes „technisches Know-how“

Ein häufiges Argument von Eltern-Generationen, die noch ohne Internet und Computer aufgewachsen sind, lautet, dass sich „die Kinder doch besser mit der Technik auskennen als wir Erwachsenen“. Dieses Argument scheint auszusterben, da vor allem jüngere Eltern seit ihrer eigenen Kindheit mit Handys oder Spielekonsolen vertraut sind. Die schnelle technische Entwicklung stellt aber sogar Experten vor riesige Herausforderungen. Wie sollen sich Eltern mit einer Technik auskennen, die vor wenigen Jahren noch nicht einmal erfunden war? Und wie kann man überhaupt wissen, was bei den Kids angesagt ist? Wer es endlich geschafft hat, mit seinem Nachwuchs die Jugendschutzeinstellungen von „TikTok“ durchzugehen, stellt kurz darauf fest, dass sich die Heranwachsenden per Zufalls-Prinzip und ohne Altersverifizierung via Ome.tv treffen.

Eltern werden bei technischen Fragen aber nicht mehr allein gelassen! Mit Schau-Hin.info, medien-kindersicher.de oder Klicksafe.de existieren mittlerweile Informationsangebote für Eltern, die solche technischen Fragen beantworten. Auch auf YouTube oder Instagram werden medienpädagogische Tipps angeboten, z. B. von klicksafe oder Schau-hin. Ein weiterer Tipp: Eltern können ihre Kinder auffordern, ihnen zu zeigen, was gerade „in“ ist und wie die neuesten Apps funktionieren. Kindern erleben so Selbstwirksamkeit und Eltern lernen deren digitale Lebenswelt kennen.

Überbetonung der Vorteile der frühen Mediennutzung

Wenn Kleinkinder zum ersten Mal erfolgreich auf dem elterlichen Smartphone herumwischen, schwillt die stolze Papa- oder Mama-Brust. Alle Eltern freuen sich, wenn ihr Kind Tag für Tag souveräner mit seiner Umwelt umgeht. Für ambitionierte Eltern kann es nicht schnell genug gehen, dass ihr Kind fit „für die Welt von morgen“ wird. Wer weiß, ob nicht ein zweiter „Bill Gates“ auf dem Familien-Tablet daddelt? Leider führt die rein Chancen-betonte Haltung dazu, dass die Risiken der Mediennutzung ausgeblendet werden. Der frühe Umgang mit Smartphones oder digitalen Assistenten zahlt nicht nur auf die Technikkompetenz der Kinder ein, sondern kann auch wertvolle Bindungserlebnisse verhindern. Wenn z. B. das elterliche Vorlesen durch digitale Alternativen wie den Sprachassistenten oder YouTube ersetzt wird, verpassen Kinder wichtige Entwicklungserfahrungen, die die Bindungs- und Kommunikationsfähigkeit fördern. Eltern sollten genügend Zeit und Raum für haptische Erfahrungen wie dem Spielen in der freien Natur sowie dem kindlichen Entdeckergeist schaffen. Eine Höhle mit zwei Stühlen und einer Bettdecke kann genauso aufregend und fördernd sein wie eine Stunde mit der Vorlese-App!

Medienabstinenz mit Jugendmedienschutz verwechseln

Genau umgekehrt verhält es sich, wenn Kinder erst möglichst spät mit der Nutzung digitaler Geräte vertraut gemacht werden sollen. Diese Erziehungsmethode blendet leider aus, dass Kinder bei Gleichaltrigen direkt oder indirekt im Gespräch mit den Inhalten digitaler Medien konfrontiert werden. Kinder werden durch zu strenge Regeln dazu angespornt, digitale Medien entweder heimlich bei Freunden oder auf dem Pausenhof zu konsumieren. Leider verheimlichen Kinder ihren Eltern mögliche problematische Medienerfahrungen – aus Angst vor Strafe. Wer Kinder zur Digitalabstinenz verdonnert, ignoriert, dass Kinder von der elterlichen Mediennutzung geprägt werden. Wenn Eltern beruflich oder privat ständig „online“ sind, findet trotzdem eine – wenn auch unerwünschte – Medienbildung statt. Und zu guter Letzt kann ein spätes Einstiegsalter dazu führen, dass Kinder über ein zu geringes Problembewusstsein verfügen und naiv im Umgang mit möglichen Risiken agieren.

Kinderpsychologen plädieren eher dafür, Kinder begleitet und mit gutem Vorbild an die digitalen Medien heranzuführen – und zwar an altersgerechte Angebote, die auch die Kreativität der Kinder fördern. Hier gilt es, eine gute Balance zu finden und bei der Abwägung von Chancen und Risiken digitaler Medien die einseitige Perspektive zu vermeiden.

Eigene problematische Mediennutzung

Die Gründe dafür können vielfältig sein: eine hohe berufliche Belastung, z. B. im Homeoffice, welche eine ständige Nutzung von Smartphone oder PC verlangt, oder ein starkes Bedürfnis nach Erholung oder sozialen Kontakten, was sich als vermehrter Medien- und Smartphone-Konsum auswirkt. Eltern, die selbst eine intensive Mediennutzung vorweisen, tun sich schwerer damit, Regeln der Mediennutzung durchzusetzen oder die Mediennutzung des Nachwuchses im Auge zu behalten. Zum einen versperrt die eigene Mediennutzung den Blick auf die Aktivitäten der Kinder. Zum anderen lassen sich schwerlich Regeln durchsetzen, an die sich Eltern selbst nicht halten.

Hier gilt es, sich zuerst der eigenen Mediennutzung bewusst zu werden, z. B. durch ein Medientagebuch, in dem alle Medienaktivitäten festgehalten werden. Dann gilt es, Alternativen zu kennen und wenn nötig bewusst Auszeiten – in Form eines „Digital Detox“ – einzuführen. Der mögliche Freiraum ermöglicht es, erzieherische Chancen und Alternativen kennenzulernen, z. B. gemeinsames Basteln, Brettspiele oder das Vorlesen von Büchern.

Wenn das eigene Medienverhalten bewusst und nicht „fremdgesteuert“ stattfindet, können Eltern gezielter vorgehen, Regeln aufstellen und mit gutem Vorbild vorangehen. Zuletzt profitieren vor allem die Kinder davon, wenn sie wieder Zugang zu ihren Eltern bekommen und Platz für die nötigen Bindungserfahrungen entsteht.

Fehlendes Problembewusstsein

„Das Smartphone ist doch die tollste Erfindung der Menschheit, direkt nach der Druckerpresse! Und das soll jetzt schädlich sein? Wir haben doch früher stundenlang vor der Glotze gehockt und trotzdem ist aus uns was geworden!“ So oder so ähnlich klingen Argumente, warum der Umgang mit digitalen Medien nicht so überbewertet werden soll. Genau hier liegt der Hund begraben: Bindungserlebnisse aus der eigenen Kindheit werden häufig (unbewusst) in die Beziehung mit den Kindern übertragen. Dies kommt vor, wenn Eltern selbst keine oder wenig elterliche „Leitplanken“ oder Aufmerksamkeit erlebt haben und diesen Zustand idealisieren.

Problembewusstsein kann nur da entstehen, wo zum einen Empathie für die individuellen Bedürfnisse von Kindern vorhanden ist, oder wo bereits Probleme aufgetaucht sind. Im ersten Fall müssen Eltern sich eingestehen, dass sie ihre eigenen Erfahrungen nicht direkt auf ihre Kinder projizieren können – zumal diese nicht exakt die gleichen Bedürfnisse haben wie sie selbst. Dann gilt es, „hinter die Kulissen zu schauen“: Welche Bedürfnisse erfüllt sich mein Kind beim Umgang mit digitalen Medien? Ist es Teilhabe an Freundschaften, Erholung, Anerkennung oder Eskapismus? Dadurch lassen sich Chancen und Alternativen erkennen, welche Eltern ihren Kindern anbieten können. Das kann die regelmäßige gemeinsame Mediennutzung sein, ein alternatives Hobby, ein Instrument oder eine Sportart.

Im zweiten Fall, wenn das „Kind schon in den Brunnen gefallen ist“, müssen sich Eltern eingestehen, dass ungewollt Risiken in Kauf genommen wurden, weil das Thema „digitale Medien“ auf die lange Bank geschoben wurde. Anstatt jetzt nach einem Schuldigen zu suchen und konsequent Strafen und Verbote durchzusetzen, gilt es, erst einmal in eine vertrauensvolle Beziehung zu investieren, in der Kinder ihre Eltern aufsuchen möchten, wenn mal was schiefgeht. Kinder müssen nach negativen Erlebnissen ermutigt und gestärkt werden. Spätestens jetzt gilt es, die Kinder dabei zu unterstützen, souverän und sicher mit Medien umzugehen.

Komplizierte Interessenkonflikte

Eltern fühlen sich beim Umgang mit den digitalen Medien häufig in einer Zwickmühle. Einerseits wollen sie ihre Kinder vor negativen Erfahrungen beschützen – andererseits wollen sie ihre Sprösslinge nicht vom Kontakt mit Gleichaltrigen abschneiden. Auch der Schulalltag ist ohne Smartphones fast undenkbar: In Gruppenchats werden Hausaufgaben verschickt und Vertretungsstunden kommuniziert. Und zu guter Letzt sollen die Heranwachsenden ständig erreichbar sein, für den Fall der Fälle.

Hier gilt es, bewusst Kompromisse einzugehen und sich einzugestehen, dass die perfekte Lösung nicht existiert. Durch das Herauszögern wird leider verhindert, dass das Problem erkannt wird und bewusst nach Lösungen zu suchen: z. B. nach klaren Familienregeln wie einem Mediennutzungsvertrag oder Alternativen, damit sich Kinder nicht benachteiligt fühlen, wenn sie noch auf das erste eigene Smartphone warten müssen. Das kann z. B. ein erstes Haustier sein, ein Fahrrad oder ein Instrument, mit dem es „einen verantwortungsvollen Umgang“ lernen kann, bevor es mit dem ersten Smartphone losgeht. Tipp: Wenn Eltern herausfinden wollen, ob ihr Kind reif genug fürs erste Smartphone ist, hilft die „Checkliste: Ist Ihr Kind reif für ein Smartphone?“ von klicksafe.de.

Stand: Mai 2021

Weiterführende Informationen

Über den Autor

Christian Reinhold ist seit über 10 Jahren Redakteur der Initiative Kindermedienland. Privat fotografiert er leidenschaftlich gern und spielt Gitarre.