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Verführen Netflix und Co Kinder mit ihren Angeboten zum Dauerglotzen?

Verführen Netflix und Co Kinder mit ihren Angeboten zum Dauerglotzen?

Binge-Watching Neigen auch Heranwachsende zum sogenannten Binge Watching bzw. Fernseh-Exzess? (Bild: Maxine yang, Unsplash)

Wer kennt das nicht und hat sich die letzten Jahre Prison Break, Narcos und House of Cards reingezogen? Dann kam Euphoria, Bridgerton und Vikings hinterher. Und von Game of Thrones ganz zu schweigen! Doch neigen auch Heranwachsende zum sogenannten Binge Watching bzw. Fernseh-Exzess?

Die Zeiten, in denen man am Wochenende mit einem Stapel DVDs die Sopranos oder 24 mit Kiefer Sutherland zeitunabhängig durchgeglotzt hat, gehören dank Netflix und Amazon Prime der Vergangenheit an. Serien wie Sopranos oder Game of Thrones mutieren schnell vom kurzweiligen zum zeitaufwendigen Zeitvertreib. Wenn spannende Handlungsverläufe und zeitunabhängiges Streaming zum ständigen Weiterschauen animieren, spricht man vom sogenannten Binge Watching.

Was ist eigenlich Binge Watching?

Binge Watching kann mit „Fernseh-Exzess“, „Fernseh-Orgie“ oder freier mit „Koma-Glotzen“ übersetzt werden. Zwar definiert der Begriff keine genaue Abgrenzung, wann der Grad zum Serienmarathon überschritten wird. Man spricht aber bereits davon, wenn „mehrere Folgen einer Serie am Stück“ angeschaut werden. Dass am Ende einer Folge automatisch die nächste abgespielt wird, verstärkt diesen Effekt. Die offene Erzählstruktur, die facettenreichen Charaktere sowie die „Cliffhanger“, die am Ende einer Folge auf wichtige Ereignisse in der nächsten hinweisen, verstärken die Sogwirkung von Serien.

Sind auch Kinder vom Binge Watching betroffen?

Acht von zehn Kindern  zwischen sechs und neun Jahren, deren Familien Streaming-Angebote wie beispielsweise Netflix nutzen, sind von dem Phänomen betroffen. Das brachte bereits 2019 eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) hervor. Laut der Studie sehen die Hälfte der „binge watchenden“ Kinder „täglich vier oder auch mehr Folgen“ von Serien wie Paw Patrol, Peppa Wutz oder Ninjago hintereinander an, welche zwischen fünf bis zwanzig Minuten dauern. Laut einer DAK-Studie hat sich die Streaming-Nutzung während der Pandemie bei Heranwachsenden im Alter von zehn bis 17 Jahren fast verdoppelt: Unter der Woche verbrachten diese im Jahr 2021 durchschnittlich 173 Minuten pro Tag auf Netflix, Amazon und YouTube. Am Wochenende sind es sogar 251 Minuten.

Die JIM-Studie 2021 belegt, dass bereits über 80 Prozent der Jugendlichen im Elternhaus über einen Zugang zu einer Streaming-Plattform verfügen. Über 50 Prozent der befragten Jugendlichen nutzen Netflix täglich oder mehrfach pro Woche. Über einen Fernseher im eigenen Zimmer verfügen ca. die Hälfte der Jugendlichen. Wenn man sie nach der Dauer fragt, dann schätzten 2021 die Zwölf- bis 19-Jährigen ihre Fernsehnutzung an einem durchschnittlichen Wochentag auf 132 Minuten ein.

Welche Faktoren machen das Binge Watching so beliebt?

Dass das Koma-Fernsehen so eine hohe Anziehungskraft hat und auch teilweise sozial toleriert wird, kann folgende Gründe habe:

  • Angst etwas zu verpassen: Was passiert in der nächsten Folge? Was passiert mit den Charakteren der Serie?
  • Befriedigung von Neugier: wenn Geheimnisse oder Handlungsstränge in den Serien aufgelöst werden
  • Soziale Kompetenz: der Wunsch mitreden und mit Kenntnissen über die Serie angeben zu können (deshalb sind YouTube-Videos, welche Hintergründe über Serien erklären, so beliebt)
  • Unterhaltung, Rekreation, Eskapismus: der Wunsch, aus dem komplizierten belastenden Alltag zu flüchten und sich für ein paar Stunden zu erholen.
  • Pseudo-soziale(s) Engagement bzw. Empathie: der verborgene Wunsch, an dem Schicksal der Figuren empathisch teilzunehmen, ohne Verpflichtungen (wie im echten Leben) einzugehen.

Fehlende Beaufsichtigung bzw. Einsamkeit: Besonders wenn Kinder allein zuhause sind, die Freunde gerade beschäftigt sind oder der Wunsch nach (pseudo-)sozialer Interaktion (ohne deren negativer Implikationen) aufkommt, bieten Serien einen idealen Zeitvertreib.

Welche Risiken gehen vom exzessiven Fernsehverhalten aus?

In Artikeln rund um Binge Watching werden eine Reihe von potenziellen Risiken genannt, die mit allzu exzessivem Serienmarathons einhergehen und welche auch auf Heranwachsende zutreffen:

  • Schuldgefühle: Scham, Reue und Abscheu gegenüber sich selbst
  • Selbstzweifel: durch das Gefühl, Zeit verschwendet zu haben
  • Abhängigkeitserscheinungen: Bereits 2014 berichtete eine Berliner Suchberatungsstelle über die 10 Prozent „Serien-Junkies“ unter ihren Klientinnen und Klienten.
  • Verlust des Zeitgefühls
  • Gereiztheit und Unzufriedenheit
  • Freundschaften verlieren ihre Bedeutung: bei konstanter Vernachlässigung sozialer Kontakte besteht die Gefahr, dass Freundschaften darunter leiden.

Darüber hinaus stellen Studien über erwachsene Binge Watcher einen Zusammenhang zwischen regelmäßigem suchtartigen Fernsehen mit verschlechtertem Schlaf, sowie dem Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar Blutgerinnseln her.

Wie kann ein gesunder Fernsehkonsum gefördert werden?

Primär sollten gesunde Fernsehgewohnheiten bereits in jungen Kinderjahren beigebracht werden. Hier ein paar Tipps für Familien, welche langfristig einen gesunden Umgang mit dem Fernseher vermitteln wollen:

Standort des Fernsehers

Laut JIM-Studie verfügen über die Hälfte aller Jugendlichen über einen eigenen Fernseher. Um exzessives Fernsehverhalten zu vermeiden, empfiehlt sich nur ein Fernseher im Wohnzimmer, gut einsichtbar, so dass heimliches Fernsehen unmöglich wird.

Smartphone und Tablet als Fernsehersatz vermeiden

Den Fernsehkonsum verbringen viele Heranwachsenden seltener vor der „Glotze“ und immer häufiger ungestört vor dem Smartphone oder Tablet. Hier erleben sie in privater Atmosphäre ihr eigenes Wunschprogramm ohne Aufsicht und elterlicher Ablenkung. Denn auch über YouTube, TikTok oder die Netflix-App können Serieninhalte konsumiert werden. Mit klaren Handyregeln, wie einem Mediennutzungsvertrag, kann dem vorgebeugt werden.

Beamer statt Fernseher

Nicht nur fürs Medienfasten bzw. Serien-Detox eine Lösung: ein familieneigener Beamer, der nur bei gemeinsamen Filmeabenden in Betrieb genommen wird. Nachrichten und Kochsendungen lassen sich auch am Tablet verfolgen.

Gemeinsam Fernsehzeit und -inhalte auswählen und einplanen

Statt willkürlichem Fernsehkonsum besser vorausschauend fernsehen: mit einem Fernseh-Wochenplan wird im Familienrat festgelegt, welche altersgerechten Filme und Sendungen angeschaut werden. Das vermindert Streit und fördert einen selektiven und kritischen Medienkonsum. Eltern finden auf www.flimmo.de tolle und altersgerechte Anregungen.

Gemeinsames Familienerlebnis

Chips, selbstgemachtes Popcorn, alkoholfreie Cocktails, auf dem Sofa rumlümmeln gehören zum lustvollen Familien-Filmeabend. Klar wollen Teenager auch mal unter sich sein. Regelmäßige Film- und Fernsehabende sorgen aber fürs Familienerlebnis ähnlich wie ein gemeinsamer Ausflug.

Jugendschutzeinstellungen der Anbieter und Geräte nutzen, Autoplay-Funktion abschalten

Streaming-Anbieter und Smart-TVs verfügen über eine Reihe von Einstellungen, mit denen sich die Nutzung reduzieren lässtssen. Wie’s geht, zeigt das Angebot von https://www.medien-kindersicher.de.

Bei älteren Kindern: sich Tipps geben lassen.

Kinder wollen eigene Medienwelten entdecken. Der Wunsch nach freier Entfaltung und Entwicklung sollte nachgegangen werden. Stehen Sie aber weiterhin als Notanker und sicherer Hafen zur Verfügung. Zeigen Sie Interesse und lassen Sie sich von medialen Entdeckungen ihrer Kinder berichten. Sie können sich auch Tipps geben lassen, welche Serien oder Filme gerade “in” sind.

Das eigene Vorbild

Zappen, vor dem Fernseher einschlafen, den Fernseher nebenherlaufen lassen? Diese drei Angewohnheiten ihrer Eltern prägen Kinder nachhaltig. Besser, wie oben beschrieben, selektiv fernsehen und einen souveränen Medienkonsum vorleben.

Entspannende Einschlaf-Routinen

Besonders aufwühlende Filme und Serien kurz vor dem Einschlafen haben negativen Einfluss auf die Schlafqualität. Lieber früher mit dem Film beginnen und zum Runterkommen nach dem Film etwas Zeit einplanen: zum Quatschen, Witze machen, Kissenschlacht oder Filmszenen nachmachen.

Stand: April 2022

Weiterführende Informationen

Über den Autor

Christian Reinhold ist seit über 10 Jahren Redakteur der Initiative Kindermedienland. Privat fotografiert er leidenschaftlich gern und spielt Gitarre.