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Telegram: Wie bekannt ist der umstrittene Messenger bei Kindern?

Telegram: Wie bekannt ist der umstrittene Messenger bei Kindern?

Telegram Nutzen auch Heranwachsende Telegram und wenn ja, wozu? (Bild: Christian Wiediger, Unsplash)

Seit 2021 werden immer wieder Forderungen laut den umstrittenen Telegram-Messenger verbieten zu lassen. Viel wurde seitdem über Morddrohungen und verfassungsfeindliche Gruppen auf der App berichtet. Doch nutzen auch Heranwachsende Telegram und wenn ja, wozu?

Über 400 Millionen Menschen weltweit und ca. 8 Millionen Menschen in Deutschland nutzen aktuell Telegram. Bekannt wurde die blaue App mit dem weißen Papierflieger 2013 als einer der ersten Messenger mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung  – und damit als sichere Alternative zum Marktführer WhatsApp, der die Nachrichten zwischen Nutzern damals noch unverschlüsselt übertrug. Die Erfinder von Telegram beteuern seitdem, mit der App einen Raum für Meinungsfreiheit anzubieten und auf die Zusammenarbeit mit Regierungen zu verzichten. Oppositionelle in totalitären Ländern wie Iran, Türkei, Belarus oder Hongkong verließen sich daher zunehmend auf Telegram. Aber auch in Deutschland erlangte die App – vor allem im Zusammenhang mit den Corona-Protesten und Verschwörungstheoretikern – eine traurige Berühmtheit.

Welche Messenger nutzen Heranwachsende?

Telegram nutzten 2021 nur acht Prozent der Jugendlichen. Hier der Vergleich mit den drei wichtigsten Messenger- und Social Media-Apps unter Jugendlichen: WhatsApp wird von 92 Prozent, Instagram von 58 Prozent und TikTok von 46 Prozent aller Herabwachsenden von 12 bis 19 Jahren genutzt.

Was ist so interessant an Telegram (für Jugendliche)?

Telegram ist zwar für die meisten Jugendlichen nicht relevant. Dass aber bereits jeder zehnte Jugendliche die App nutzt, obwohl ein großer Teil des Freundeskreises nicht auf Telegram präsent ist, kann mehrere Gründe haben:

  • Abnabelung: Während Eltern noch auf Instagram, WhatsApp oder sogar Facebook unterwegs sind, wollen die Heranwachsenden unter sich bleiben. Was kann interessanter sein als eine App, die von Teilen der Gesellschaft als verurteilenswert erklärt wird?
  • Während die Nutzung von Zeitungen und öffentlich-rechtlichen Medien bei Heranwachsenden jedes Jahr einen neuen Tiefpunkt erreicht, informieren sich Jugendliche auf alternativen Nachrichtenangeboten, zu denen auch Telegram zählt.
  • Der Wunsch nach „zensurfreien“ Nachrichtenangeboten: Dahinter steckt (vor allem bei Verschwörungsanhängern) die Absicht, auf Kanälen informiert zu werden, die nicht von Politik oder Wirtschaft beeinflusst werden können.
  • Besonders in der Pubertät wollen Grenzen ausgetestet werden. Dazu zählen neben Computerspielen für Erwachsene, gewaltverherrlichenden oder sexistischen Musiktexten auch kontroverse Online-Plattformen.
  • Der Wunsch nach Anonymität: Während Nutzerinnen und Nutzer auf Instagram oder WhatsApp zuweilen mit Klarnamen unterwegs sind, können sie auf Telegram komplett anonym agieren.

Aber auch technische Gründe sprechen dafür, Telegram als Messenger-Alternative zu verwenden:

  • Dateigrößen: Bei WhatsApp dürfen Dateien maximal 100 Megabyte groß sein, bei Telegram hingegen 1,5 Gigabyte. Das ist genug Speicherplatz für Filme, Serien oder Computerprogramme.
  • Auf Telegram können Gruppen bis zu 200.000 Teilnehmer beherbergen.
  • Wer viel am PC arbeitet oder spielt, will nicht ständig zum Smartphone greifen, um Nachrichten abzurufen. Telegram kann (wie mittlerweile auch WhatsApp) am Rechner bedient werden.
  • Die Kanal-Funktion erlaubt unilaterale Kommunikation. Der Kanalersteller kann kommunizieren, die Kanal-Follower hingegen nicht. In private Kanäle kann man nur über einen Einladungslink eintreten oder vom Kanal-Ersteller eingeladen werden.

Darüber hinaus bietet Telegram umfangreichere Funktionen als WhatsApp, u. a. eine Kommentarfunktion, ein Umfrage-Tool sowie Sprach- und Video-Posts. Die technischen Möglichkeiten erinnern mehr an ein soziales Netzwerk als an einen Messenger.

Wie sicher ist Telegram?

Telegram hat unter seinen Nutzerinnen und Nutzern den Ruf, sicherer als WhatsApp oder Facebook zu sein – vor allem was die Überwachung durch staatliche Akteure angeht. Paradoxerweise wird seine Sicherheit unter Datenschützern und IT-Fachleuten stark angezweifelt. Deren Kritikpunkte lauten:

  • Nachrichteninhalte können von Telegram eingesehen werden.
  • Metadaten (die Auskunft darüber geben, wer mit wem chattet und wie oft) werden bei Telegram nicht verschlüsselt übertragen.
  • Telegram hat Zugriff auf Kontakte und Telefonnummern (wie viele andere Messenger auch).
  • Die Sicherheit der hauseigenen Verschlüsselungsmethode wurde nicht nachgewiesen.
  • Stattdessen: Die Verschlüsselung wurde in der Vergangenheit bereits von iranischen Hackern geknackt (worauf Telegram das Protokoll nachgebessert hat).

Welche inhaltlichen Risiken gehen von Telegram aus?

Welche Inhalte ihre Kinder auf Telegram konsumieren, wird aber Eltern mehr Sorgenfalten bereiten, als die oben genannten Datenschutzprobleme. Seit der Pandemie ist Telegram in Deutschland für Verschwörungstheorien, Desinformationen, Morddrohungen und verfassungsfeindliche Inhalte bekannt. In Gruppen tummeln sich neben Coronaleugnern, Holocaust-Leugnern auch Rechtsradikale und Islamisten. Man geht von über 500 rechtsradikalen Kanälen aus, von denen die größten über 120.000 Mitglieder haben. Für Heranwachsende besteht ein Risiko, dass sie in Telegram-
Kanälen oder Gruppen immer weiter in den „Kaninchenbau“ von kruden Theorien und Weltanschauungen hineingezogen werden.

Darüber hinaus ist Telegram als eine Art „öffentliches Darknet“ in Verruf gekommen, welches als Drogenumschlagplatz genutzt wird. In unzähligen Gruppen können weiche und harten Drogen, wie Marihuana, Ecstasy und Kokain lokal geordert werden. Aber auch Raubkopien, Kontodaten oder gefälschte Dokumente werden auf Telegram feilgeboten.

Wird Telegram verboten?

Die deutsche Bundesregierung unternahm bereits einige Anstrengungen, der Situation Herr zu werden. Im Kampf gegen strafbare Hass- und Gewaltaufrufe drohte die Bundesregierung im Februar 2022 erneut mit einem Bußgeld in Millionenhöhe. Das Problem: Bislang gelang es nicht den Bußgeldbescheid zuzustellen, da das Unternehmen bereits seit Jahren als Briefkastenfirma agiert und mittlerweile mit seinem Firmensitz in Dubai außerhalb der EU liegt. Eine weitere Lösung wäre, die App-Stores zur Entfernung von Telegram zu zwingen, so wie es Ende 2021 Niedersachsens Innenminister forderte. Mittlerweile ist die Bundesregierung von der Idee abgewichen und laut Bundesinnenministerin Nancy Faeser die Idee der Entfernung Telegrams von Googles und Apples App-Stores „keine Forderung und nicht das Ziel“. Denn bei einem Ausschluss aus den App-Stores hätten Nutzerinnen und Nutzer weiterhin die Möglichkeit, sich die App von alternativen Webseiten herunterzuladen und zu installieren – wenn auch gleich ein Verbot Telegrams Reichweite deutlich reduzieren würde.

Welche Alternativen existieren zu Telegram?

Wenn ihr Kind unbedingt einen sicheren Messenger nutzen möchte, existieren einige Alternativen. Dazu zählen u. a.:

  • Threema
  • Signal
  • Viber
  • Element
  • Wire

In der Messenger-Matrix werden die gängigsten Messenger unter Sicherheit- und Datenschutz-Aspekten miteinander verglichen.

Was können Eltern tun?

Gut zuhören

Eltern, die ihren Kindern gut zuhören, verstehen auch, was in deren Medien-Welt vor sich geht. Leider schalten Eltern gerne ab, wenn sie das Gefühl beschleicht, die Jugend-Worte – speziell mit Gaming-Bezug – nicht zu verstehen. Wie bei einer Fremdsprache baut sich der Wortschatz aber dadurch auf, bewusst zuzuhören. Die Chance, auch Probleme oder kritische Mediennutzung zu erkennen, steigt mit dem aktiven Zuhören.

Gemeinsam soziale Medien erschließen

Eltern sollten wissen, auf welchen Messengern ihre Kinder unterwegs sind und auch an welchen Gruppen sie teilnehmen. Hilfreich ist, wenn sich Eltern die Funktionen von Messengern, wie Emojis, Stickern, Bots, erklären lassen. Das ist für Erwachsene sehr lehrreich und Kinder werden sich wiederum wertgeschätzt fühlen, wenn das Interesse ernst gemeint ist.

Sich mit Altersempfehlungen auseinandersetzen

Im Google Playstore ist Telegram mit einer USK-18-Einstufung („ab 18 Jahren geeignet“) benötigt der Zustimmung der Eltern. In großen Familien lohnt es sich, alle Familienmitglieder für die Altersfreigaben zu sensibilisieren. So sollten ältere Geschwister darauf achten, dass die jüngeren Geschwister bei der Nutzung von sozialen Netzwerken nicht anwesend sind. Auch Verwandte sollten sich daranhalten.

Regeln gemeinsam vereinbaren und aufschreiben

Um den Umgang mit Messengern, wie WhatsApp oder Threema zu regeln, bietet sich die Vorlage des Mediennutzungsvertrags an. Das schriftliche Festhalten verhindert im Nachhinein sinnlose Diskussionen, die mit „Du hast aber gesagt, dass …“ beginnen. Dies soll nicht zum schriftlichen Knebel verkommen, sondern eine Grundlage zum Dialog bzw. zum gemeinschaftlichen Aushandeln der Regeln bieten. Diese Maßnahme kann auch helfen, dass Kinder aufmerksamer über den Sinn und Zweck der Bestimmungen nachdenken und gegebenenfalls konstruktiv mitbestimmen.

Über Risiken offen reden

Eltern können ihre Kinder dabei unterstützen, Risiken (on- und offline) zu erkennen und richtig einzuschätzen. Hierbei ist ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Kindern sowie eine entspannte Gesprächsatmosphäre hilfreich. Vermieden werden sollten Verhör-Methoden, Verallgemeinerungen in Gut und Schlecht oder das Lächerlich-machen von Themen, die Kindern ernst sind. Bei dem Gespräch kann auch erklärt werden, dass Kinder andere gefährden, wenn sie riskante Challenges, die zum Nachmachen einladen, weiterleiten. 

Stärken stärken, Grenzen setzen

Kinder, die über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen, sind eher in der Lage „Nein“ zu sagen und dem Gruppendruck nicht nachzugeben. Wenn Kinder sich ihrer eigenen Stärke und ihrem elterlichen Rückhalt bewusst sind, aber auch wissen, wo ihre Eltern klare Grenzen setzen, kann das problematisches Verhalten verhindern. 

    Stand: April 2022

    Weiterführende Informationen

    Über den Autor

    Christian Reinhold ist seit über 10 Jahren Redakteur der Initiative Kindermedienland. Privat fotografiert er leidenschaftlich gern und spielt Gitarre.