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Sexting – Was Eltern tun können

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Sexting Diplom-Medienpädagogin Eva Weiler ist seit über zehn Jahren für das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg tätig und als Referentin der Initiative Kindermedienland unterwegs. Die Mutter von zwei Kindern im Alter von 12 und 15 arbeitet außerdem in einem Software-Verlag.

Sexting – ein neues Phänomen und was Eltern tun können

Seit "Dr. Sommer" in der Bravo zählen Nacktfotos so selbstverständlich zur Pubertät, wie Stimmbruch oder erste Liebe. Durch die technische Entwicklung der letzten Jahre ist es immer einfacher geworden, solche Fotos von sich zu machen und auch zu verbreiten. Kein Wunder also, wenn verliebte Teenagerinnen von sich Oben-ohne-Fotos per WhatsApp verschicken oder Jungs sich in Sauflaune „unten ohne“ in Szene setzen? Immer häufiger werden Jugendmedienschützer und Eltern mit dem sogenannten "Sexting" – dem Versenden digitaler Aufnahmen von erotischen Posen – konfrontiert. Wir sprachen mit der Medienpädagogin Eva Weiler darüber, wie Eltern mit ihren Kindern über Sexting ins Gespräch kommen können. Mehr über "Sexting" erfahren Sie hier.

Frau Weiler, in welchem Zusammenhang haben Sie sich das erste Mal mit dem Thema "Sexting" auseinandergesetzt?

Zum ersten Mal hatte ich damit Kontakt, als ich mit Schülern einen Workshop gemacht habe. Beim Thema "Cybermobbing" zeigten sie mir Bilder, die gerade in der Schule rumgingen und so bin ich auf das Phänomen "Sexting" aufmerksam geworden.

Ist das Thema "Sexting" in den Medien zu überdimensional präsent?

Ich glaube, dass Sexting insgesamt zunimmt. In den Medien nimmt es mit Sicherheit aber mehr Platz ein, als es (in der Schule) real stattfindet.

In wie weit wissen die Eltern über das Thema "Sexting" Bescheid?

Ich glaube, dass die Eltern da sehr naiv sind.

Prinzipiell haben Eltern kaum eine Ahnung darüber, wie viele Bilder ihre Kinder in Umlauf bringen. Davon, dass ihre Kinder evtl. Nacktbilder von sich weiterleiten, haben maximal 5 Prozent der Eltern eine Ahnung. Es muss immer erst etwas passieren, bis die Eltern etwas davon mitbekommen.

Wie sind denn die Reaktionen der Eltern, wenn du das bei Elternabenden ansprichst?

Es gibt zwei Fraktionen: Zum einen die, die ungläubig sind und sagen, dass das nicht sein kann. Zum anderen die Eltern, die erkennen, dass es da einen großen Gesprächsbedarf mit und bei den Kindern gibt. Die würden gerne mit ihren Kindern darüber sprechen, um sie davor zu warnen, was schlimmstenfalls passieren kann.

Wie sollten Eltern mit ihren Kindern über so ein Thema reden?

Es einfach so aus heiterem Himmel ansprechen, ist äußert schwierig. Ich würde als Mutter eher schauen, ob aktuell in den Medien darüber berichtet wird und das als Gesprächsanlass nehmen. Dann würde ich die Kinder fragen, ob sie schon mal davon gehört haben und ob es an ihrer Schule bereits vorkam. So würde ich das Wissen der Kinder miteinbeziehen, damit sie von dem Thema nicht so peinlich berührt sind. So hat man eine bessere Chance ins Gespräch zu kommen.

In wie weit können Eltern eine Position einnehmen und sagen, was sie richtig finden?

Eltern können eine klare Position einnehmen und darauf hinweisen, dass es zwar ästhetisch schöne Bilder gibt. Sie sollten aber Unterschiede aufzeigen, indem sie sich mit ihren Kindern gemeinsam verschiedene Bilder anschauen und anhand der Bilder erklären, was sie ok finden und was nicht. Kinder sollten sich immer darüber bewusst sein, dass sie sobald sie Bilder verschicken, die Privatsphäre verlassen, dass sie nicht kontrollieren können, wohin die Bilder gelangen. Daher sollten Eltern ihren Kindern raten, nur solche Bilder zu verschicken, mit denen sie auch in Zukunft leben können, die ihnen nicht irgendwann peinlich sein könnten und die nicht mißbraucht werden können.

Eltern müssen erklären, welche Bilder einen Schritt zu weit gehen

und Erwartungen wecken, die das Kind gar nicht wecken will (oder auch nicht wecken sollte). Ich hatte in meinem Vortrag ein Bild gezeigt, bei dem ein Junge seine Unterhose runterzieht. Das weckt eine ganz andere Erwartung, als wenn er ganz normal mit der Badehose dasteht. Auf diese Unterschiede müssen Eltern hinweisen und ihre Kinder sensibilisieren. Das ist wichtig.

Jugendliche brauchen ja Grenzen an denen sie sich abarbeiten können. Wie können denn Erwachsene beim Thema "Sexting" Grenzen setzen?

Das ist ein schwieriges und beliebtes Thema! Wenn man einem Kind ein Handy in die Hand gibt, dann hat es die Kontrolle über das Handy. Eltern sollten sich darüber im Klaren sein, dass sich die Kinder technisch besser auskennen und Bilder auch verstecken können.

Sie sollten sich deswegen überlegen, in welchem Alter sie ihrem Kind ein Smartphone geben.

Eltern sollten im Vorfeld mit dem Kind darüber reden, dass es mit dem Gerät zu Problemen kommen kann. So ergeben sich die Grenzen von ganz alleine. Eltern sollten dann im Gespräch bleiben. Wenn sie einem Zehnjährigen ein Smartphone in die Hand geben, dann sollte er das Gerät nicht rund um die Uhr zur Verfügung haben.

Bei Sexting geht es weniger um die Technikkompetenz als um die Beziehungskompetenz. Welchen Zusammenhang siehst du zwischen Beziehungs- und Technikkompetenz?

Die Technik erleichtert ja einiges. Wenn ein Mädchen mit ihrem Freund im Zimmer sitzt, sich öffnet und ihr T-Shirt hochzieht, dann sitzt der junge Mann ihr gegenüber. Er kann das direkt sehen und anfassen. Das will das Mädchen im ersten Moment vielleicht gar nicht. Wenn sie aber ein Smartphone nutzt und ihrem Freund Bilder schickt, dann gibt es da eine Distanz, die alles etwas einfacher macht. Es fehlt die direkte Reaktion, die das Mädchen vielleicht zu mehr Zurückhaltung bringen würde. Aber die räumliche Distanz und zwischengeschaltete Technik (z.B. Smartphone) verführt viele Jugendliche, mehr von sich zu zeigen als gut ist. Der direkte persönliche Austausch – face to face - ist insofern der ehrlichere.

Wie schaffen es denn Erziehende, die Jugendliche so zu festigen, dass es nicht zum Sexting kommt?

Jugendliche setzen sich häufig gegenseitig unter Druck und stacheln sich an, immer mehr von sich preis zu geben.

Daher ist es wichtig, Kinder so zu stärken, dass sie auch einmal in der Lage sind, „nein“ zu sagen.

Man muss aber sehen, dass das die Lehrer alleine nicht schaffen können. Das hängt viel mit dem Elternhaus zusammen, ob die Kinder da ausreichend Bestätigung bekommen. Nur so lernen Kinder, eine eigenständige Position zu beziehen und zu sagen, dass sie da nicht mitmachen. Das schützt aber auch nicht immer, da die Pubertät und die Hormone manchmal „eigenartige“ Dinge freisetzen.

Wie reagieren denn die Eltern, wenn sie zum ersten Mal mitbekommen, dass ihr Kind in einen Sexting-Fall verwickelt ist?

Die Eltern sind meistens geschockt und fragen sich warum ihr Kind so etwas macht. Für sie ist zunächst nicht nachvollziehbar, dass ihr Kind scheinbar das Schamgefühl „ausgeschaltet“ hat. Deswegen reagieren die meisten Eltern darauf mit Schimpfen, Hausarrest oder Handy-Wegnehmen. Das ist aber nicht hilfreich, weil man damit verhindert, dass das Kind sich öffnet, man sich weiter austauschen und einen gemeinsamen Weg aus der Situation finden kann. Beim nächsten Vorfall wird sich das Kind nicht mehr an die Eltern wenden, um Hilfe zu suchen.

Ich rate den Eltern, erstmal einen Kaffee zu trinken, ruhig zu werden und dann erst mit den Kindern zu reden.

Dann sollten Fragen nach dem ‚warum‘ und ‚wie kam es dazu‘ im Vordergrund stehen. Eltern können so erkennen, wo sie selbst ihr Kind noch mehr unterstützen können. In jedem Fall sollte das Gespräch konstruktiv und lösungsorientiert geführt werden und nicht mit Vorwürfen.

Beim Schüler-Medienmentoren-Programm (SMEP) werden Jugendliche ausgebildet, um ihr Wissen an andere Schüler weiterzugeben. Wie kann in solchen Kursen das Thema "Sexting" vermittelt werden?

Peer-to-Peer-Programme wie SMEP bieten große Chancen, da das Wissen auf Augenhöhe vermittelt wird. Das klingt dann nicht so herablassend wie bei vielen Erwachsenen, die mit dem erhobenen Zeigefinger kommen. Peer-to-Peer bedeutet, dass da ein offenes, ehrliches Gespräch stattfindet. Wenn da Jugendliche von ihren eigenen Erfahrungen reden, wirkt das nicht so konstruiert, das kommt dann viel besser an.

Wie muss man sich das im SMEP-Kurs vorstellen?

Jugendliche sind ja bereits schon Persönlichkeiten mit eigenen Meinungen und Haltungen, die auch in die Programme eingebracht werden. Einige Jugendliche sagen dann beispielsweise, dass Mädchen, die so etwas machen, "Schlampen" sind. Solche Vorurteile sollte man aufgreifen, z.B. indem man die Jugendlichen bittet, sich in die verschiedenen handelnden Personen in einem Sexting-Fall hinein zu versetzen. Denn es ist ja so, dass Probleme meist dann entstehen, wenn solche Fotos ungefragt an Personen weitergeleitet werden, für die sie nicht bestimmt sind. Der pädagogische Hintergrund ist in den SMEP-Kursen sehr wichtig. Die Jugendlichen müssen sich in der Gruppe austauschen und die Pro's und Contra's diskutieren. Dann verstehen sie das eher und können sich gegenseitig Tipps geben, wie man damit umgeht. Insgesamt muss gesagt werden, dass für viele Jugendliche "Sexting" noch ein peinliches Thema darstellt. Einige wollen da gar nicht darüber reden.

Ein Trend jagt den anderen: Chat-Roulette, Younow, WhatsApp. Die Eltern sind da meist hinterher. Wie können es die Eltern schaffen, das alles im Auge zu behalten?

Eltern sollten in den Medien "lesen", um mitzubekommen, was da läuft. Eltern sollten aber wissen, dass Medienberichte oft überspitzt sind. Younow und Chat-Roulette sind ja sicherlich spannende Themen, was aber nicht bedeutet, dass jeder Jugendliche das auch macht. Da sind Seiten wie klicksafe oder die KIM-/JIM-Studie hilfreich, um nachzuschauen, wie verbreitet das ist und ob man sich da Sorgen machen muss. Als Eltern bin ich Experte für mein Kind, weshalb ich auch wissen sollte, ob mein Kind auf sowas anspringt oder nicht. Auch wenn Kinder in die Pubertät kommen, sollten die Eltern weiterhin an ihnen dranbleiben.

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