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Schönheitsideale in sozialen Medien | Wie werden Jugendliche und Kinder davon beeinflusst?

Schönheitsideale in sozialen Medien: Wie werden Jugendliche und Kinder davon beeinflusst?

Eltern Wie beeinflussen Instagram, TikTok und Co die Schönheitsideale von Kindern und Jugendlichen? Und wie können Eltern und Erziehende das Selbstbewusstsein von Kindern und Jugendlichen stärken?

„Smartphone, Smartphone in der Hand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Medien, Freunde und Eltern beeinflussen in hohem Maß, wie Kinder und Jugendliche ihren eigenen Körper wahrnehmen. Auch wenn sich Schönheitsideale im Laufe des Lebens wandeln, richtet eine verzerrte Selbstwahrnehmung dauerhaften Schaden an. Doch wie können Eltern und Erziehende das Selbstbewusstsein von Kindern und Jugendlichen stärken? Ein kritischer Blick auf die Online-Nutzung der Jugendlichen erklärt einiges...

Was ist Schönheit? 

Wenn es um das Thema Schönheit geht, existiert keine einheitliche Definition darüber, was dieser Begriff eigentlich bedeutet. Sicher ist Symmetrie ein grundlegendes Kriterium für das menschliche Schönheitsempfinden, was auch in wissenschaftlichen Studien belegt wurde. Bereits Säuglinge schauen ein attraktiveres Gesicht länger an als ein weniger schönes. 50% des Schönheitsempfindens sind genetisch vererbt. Die anderen 50% sind subjektiv und werden durch Umwelteinflüsse geprägt. So beschreibt Gerd Mietzel in seinem Buch “Wege in die Entwicklungspsychologie: Kindheit und Jugend”.

Doch was haben soziale Netzwerke damit zu tun? 

Besonders Kinder und Jugendliche sind beim Thema Schönheit noch sehr unsicher und stellen häufiger die Frage „Sehe ich schön aus?“. Um die eigene Schönheit einzuordnen, spielen soziale Netzwerke für sie eine große Rolle. Instagram, TikTok, YouTube und Co. transportieren direkt oder indirekt Schönheitsideale. YouTube-Kanäle wie Bibis Beauty Palace oder Julian Bam geben Lifestyle- und Schönheitstipps für junge Menschen. Doch in regelmäßigen Abständen kritisieren Medienpädagogen und sogar Influencer selbst die propagierten Schönheitsbilder der Social-Media-Stars. Doch ist die Kritik berechtigt? Die Autorinnen und Autoren von AlgorithmWatch liefern gute Argumente für diese Form der Kritik. In einer Untersuchung stellten sie fest, dass Bilder von Frauen in Bikinis oder Männern mit nacktem Oberkörper im Nachrichtenfeld häufiger angezeigt werden als andere Beiträge. Dies signalisiert, dass ein wesentliches Kriterium der Auswahl von Beiträgen „nackte Haut“ ist.

Doch die meisten Kinder und Jugendliche sowie viele Erwachsene kennen die Funktionsweisen von sozialen Medien leider nicht. Kritiken wie diese, führen zu der Frage, warum YouTube, Instagram und Co diese Voreinstellungen so programmiert haben.

Wenn es wirklich stimmt, dass „nackte Haut“ von den Algorithmen der sozialen Netzwerke häufiger prominent darstellt wird, dann transportieren soziale Netzwerke indirekt verzerrte Schönheitsideale. Jugendliche könnten verleitet werden, Schönheit beispielsweise mit Sexismus zu verwechseln, wenn Bilder, die nackte Haut zeigen, bevorzugt behandelt werden.

Was machen verzerrte Schönheitsideale mit unseren Kindern? 

Sexismus ist kein neues Phänomen unserer Zeit, er kann sich jedoch unter den genannten Bedingungen weltweit verstärken. Festgefahrene Rollenbilder und die Benachteiligung des weiblichen Geschlechts können dadurch gefördert werden. Dies wirkt einer Gesellschaft, die Wert auf Demokratie, Diversität, Toleranz und Gleichberechtigung legt, entgegen. Weitere kritische Beispiele aus sozialen Netzwerken für die Verzerrung von Schönheitsidealen sind unter anderem Bilder, die Mager- oder Muskelsucht propagieren. Hier könnten heranwachsende Mädchen und Jungen in ihrem Recht auf Schutz und Unversehrtheit verletzt werden und gesundheitsgefährdenden Schönheitsidealen nacheifern.

Gibt es auch „gute“ Influencer, wenn es um das Thema Schönheit geht? 

Natürlich! Doch um diese zu kennen müssen sich Eltern und Erziehende mit den sozialen Medien auseinandersetzen. Wenn es darum geht das Selbstbewusstsein zu stärken, können Influencer sogar eine positive Botschaft gegenüber der eigenen Körperwahrnehmung vermitteln. Das eigene Selbst so anzunehmen, wie es ist: Dafür steht z.B. Anuschka Rees auf Instagram. Sie ist auch Autorin des Buchs “Beyond Beautiful”, worin es darum geht seinen eigenen Körper zu akzeptieren, anstatt gegen ihn zu kämpfen. Weitere Influencer die stereotype Schönheitsbilder hinterfragen und kritisieren sind Louisa Dellert und Chartlotte Weise auf ihren Instagram-Kanälen hier und hier.

Wie wichtig sind Influencer im Leben meines Kindes und wann sollte die Reißleine beim Nacheifern gezogen werden? 

Für Kinder und Jugendliche gehören Influencer so zu ihrer Alltagsrealität dazu, sowie bei ihren Eltern damals die Pop-Sternchen aus der “Bravo”. Ein Grund dafür ist, dass sich ihr Medienkonsum stark auf die mobilen Geräte wie Smartphones und Tablets verlagert hat. Influencer sind auch deshalb so wichtig für Jugendliche, weil diese in der Pubertät sind und nach Vorbildern suchen. Die Vorbilder werden besonders dann attraktiv, wenn sie auch vom Freundeskreis angehimmelt werden. Es ist also normal, dass Kinder und Jugendliche bestimmten Influencern nacheifern.

Sollten Sie feststellen, dass ihr Kind ausschließlich einem oder mehreren Influencern nacheifert, ihren Look kopiert, deren Produktempfehlungen aufgreift oder sogar deren politische Meinung übernimmt, lohnt es sich darüber mit ihrem Kind zu sprechen. Machen sie ihrem Kind bewusst, dass Influencer mit ihren Beiträgen auch Geld verdienen wollen. Deswegen müssen Influencer ihre Beiträge kennzeichnen, wenn bei der Nutzung von Kleidung, Kosmetikprodukte oder anderen Produkte ein finanzielles Interesse dahintersteht. Kinder und Jugendliche sollten also wissen, dass das Aussehen eines Influencers ein “aus Geschäftsgründen” optimiertes Bild ist, dass mit der Realität nicht übereinstimmt.

Zur Strategie der Influencer gehört es auch mit der Community in Kontakt zu sein. Zeigen sie ihrem Kind deshalb unbedingt die Unterschiede zwischen realen Freundschaften und denen in sozialen Netzwerken auf. Gehen sie dabei auch auf Verhaltensweisen ein, welche die Identität und Privatsphäre ihres Kindes schützen. Wenn es notwendig ist, vereinbaren sie einen festen Zeitrahmen für den Medienkonsum. Doch vor allem, bieten sie ihrem Kind viele aktive und kreative Freizeitaktivitäten an und fördern sie dabei den Kontakt ihres Kindes mit Gleichaltrigen. Eine neue Sportart auszuprobieren oder ein Instrument spielen zu lernen: Dies stärkt die eigene Körperwahrnehmung und das Selbstbewusstsein weitaus mehr als irgendein Influencer!

Was können wir Erwachsenen tun? 

Kurzgefasst lautet die Antwort: Kinder und Jugendliche sensibilisieren und soziale Netzwerke kritisch hinterfragen! Dazu gehört auch die Wirkung von InfluencerInnen auf YouTube und Instagram genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn der Erfolg der Online-Idole liegt häufig darin, dass sie sich als vermeintlich nahestehende Person geben, um letztendlich Produkte vermarkten zu können, was zu deren Geschäftsmodell gehört. Dafür werden Themenbereiche genutzt, die besonders beim jungen Publikum beliebt sind. Zwei Beispiele: das männliche Instagram-Modell MagicFox und die Fitness-Ratgeberin Pamela Reif sind bei vielen Jugendlichen bekannt, weil diese Schönheits- und Fitnesstipps geben. Sie beeinflussen die jugendlichen FollowerInnen nicht nur, ihnen nachzueifern, sondern fördern stereotypische Bilder für das männliche bzw. weibliche Schönheitsideal, sprich sportlich und muskulös beim Mann bzw. schlank und sexy bei der Frau.

Wie können Eltern mit ihren Kindern über die Schönheitsideale und Werbebotschaften reden? 

Eltern und Erziehende können hier ansetzen und ihre Sprösslinge aufklären, wie die subtilen Werbestrategien funktionieren. Eltern können z. B. Videos auf YouTube gemeinsam mit ihren Kindern anschauen und spielerisch zeigen, wo Werbung versteckt ist. Eine Spielidee: bei jeder entdeckten Produkterwähnung gibt es ein Gummibärchen. Wer die meisten Bären hat, gewinnt!

Doch wie kann man Kindern erklären, dass die vermeintliche Schönheit der Influencer nicht alles ist? Denn sportlich, schlank, muskulös und sexy sind zwar Attribute, mit denen Jugendliche Schönheit beschreiben, da sie die Gesamterscheinung der individuellen Persönlichkeit attraktiv machen. Zur individuellen Persönlichkeit zählen aber nicht nur die äußeren, sondern auch die inneren Qualitäten einer Person. Eltern können gemeinsam mit ihren Kindern ein x-beliebiges Influencer-Profil anschauen und nachzählen, wie oft die äußeren Attribute des Influencers im Vordergrund stehen und wie oft seine inneren Eigenschaften wie z. B. Humor, Ehrlichkeit oder Freundlichkeit. Kinder und Jugendliche werden schnell merken, welche InfluencerInnen oberflächlich agieren und die letztere Komponente vernachlässigen.

Was bringen Kampagnen wie #bodypositivity? 

Kampagnen, wie #bodypositivity, welche die Themen natürliche Schönheit und positive Körpereinstellung in den Fokus rücken, sind noch zu selten. Außerdem können sie für neue Stereotypenbilder ausgenutzt werden, wie es im Fall der Sendung „Curvy Supermodel“ geschieht. Denn letztlich stehen hier junge, attraktive, etwas korpulente Frauen genau wie bei anderen Schönheitswettbewerben in Konkurrenz zueinander und müssen sich einer Bewertung unterziehen.  

Und wie wirkt der Freundeskreis auf die Schönheitsideale? 

Nicht nur soziale Medien beeinflussen das Schönheitsempfinden von Kindern und Jugendlichen, sondern auch der Freundeskreis. Es ist nicht verwunderlich, wenn Kinder bereits im Kindergartenalter Wünsche bezüglich ihrer Kleidung und ihres Aussehens äußern, damit sie einer Freundin oder einem Freund ähnlicher sein können. Sie geraten durch das Eintreten in den sozialen Raum – Kindergarten/Schule – in eine Vergleichssituation. Andere Kinder könnten z.B. sagen „Deine Schuhe sind hässlich aber deine Jacke ist cool.“ So entsteht ein gewisser Druck dazuzugehören und in einer Gemeinschaft angenommen zu werden. Darunter leiden Mädchen und Jungen gleichermaßen, denn oftmals setzen sie eine Fassade auf, die gar nicht ihrem eigenen Schönheitsempfinden entspricht. Dies kann sich sogar gesundheitsgefährdend auswirken, z.B. dann, wenn junge Mädchen damit konkurrieren, wer am wenigsten Körpergewicht hat.

Zusammenfassung: Stärken stärken, schwächt Schwächen 

Oberstes Ziel von Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen muss lauten Kindern und Jugendlichen ein gesundes Selbstvertrauen zu vermitteln. Dies kann erreicht werden, indem man mit Kindern und Jugendlichen über Schönheitsideale spricht, die Gefahren von sozialen Medien aufzeigt, ihnen eine Bandbreite von Schönheitsidealen präsentiert und beibringt kritisch mit Medien umzugehen. Auch durch das Loben und Hervorheben von positiven Eigenschaften der Kinder kann ein positives Selbstwertgefühl verstärkt werden. Es ist wichtig Interesse für den Freundeskreis des Kindes zu signalisieren, um zu erfahren, mit wem es Umgang hat. Aber auch Bücher und Filme zum Thema Schönheit können (gemeinsam) gelesen oder angeschaut werden. Eltern, die ein kritisches oder gar gesundheitsgefährdendes Schönheitsbild bei ihren Kindern erleben, haben auch die Möglichkeit mit Beratungsstellen, Ärzten und Psychologen zu sprechen. Bei diesen Experten erhalten sie gute Ratschläge, wie sie die Situation für ihr Kind verbessern können.

Bleiben Sie im Gespräch!

Es ist wichtig im Gespräch zu bleiben, um das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern zu erhalten. Verantwortungsvolle Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sollten auch immer auf den Aspekt der inneren Schönheit eingehen, um Kindern und Jugendlichen aufzuzeigen, dass äußere Schönheit allein nicht alles ist. Denn wahre Schönheit kommt bekanntlich von Innen! Wenn sie also ihr Kind fragt „Bin ich schön?“, dann antworten sie mit „Ja!“ und geben sie konkret an, was sie schön finden z. B. „Du hast ein schönes Lächeln und bist immer freundlich.“ So kann man ein äußeres mit einem inneren Attribut verbinden und das Selbstbewusstsein in die richtige Richtung lenken.

Das Landesmedienzentrum bietet mit seiner Medienpädagogischen Beratungsstelle Eltern und Lehrkräften Rat und Unterstützung zum pädagogischen Jugendmedienschutz. Dazu zählen auch Tipps, wie man in der Familie mit Schönheitsidealen auf sozialen Netzwerken umgeht. Sie ist montags, dienstags, mittwochs, donnerstags von 8 bis 17 Uhr, sowie freitags von 8 bis 15 Uhr erreichbar: unter 0711 490 963 – 21.

Die Landesregierung setzt sich mit der Initiative „Kindermedienland Baden-Württemberg“ unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Winfried Kretschmann dafür ein, die Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Land zu stärken. Mit dem „Kindermedienland Baden-Württemberg“ werden zahlreiche Projekte, Aktivitäten und Akteure im Land gebündelt, vernetzt und durch feste Unterstützungsangebote ergänzt. So wird eine breite öffentliche Aufmerksamkeit für die Themen Medienbildung und -erziehung geschaffen. Träger und Medienpartner der Initiative sind die Landesanstalt für Kommunikation (LFK), der Südwestrundfunk (SWR), das Landesmedienzentrum (LMZ), die MFG Baden-Württemberg, die Aktion Jugendschutz (ajs) und der Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger (VSZV).

Auch das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR) informiert und sensibilisiert verschiedene Zielgruppen zum Umgang mit digitalen Medien. Innerhalb der Initiative Verbraucherbildung Baden-Württemberg geht es darum, die Alltags- und Konsumkompetenzen von Verbraucherinnen und Verbrauchern verschiedenen Alters in der analogen und digitalen Welt zu stärken. Um Lehrkräfte bei der Umsetzung der Leitperspektive Verbraucherbildung zu unterstützen, fördert das MLR Projekte, die entsprechende Angebote für den Unterricht entwickeln – darunter auch das Projekt „Algorithmen“ des LMZ.

Über die Autorin

Unsere Autorin, Alina Badan, studierte das Lehramt für Realschulen und arbeitet seit über 10 Jahren im Schuldienst für das Land Baden-Württemberg. Außerdem arbeitet sie für das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg als Referentin für Medienpädagogik.

Schönheitsideale im Internet?!

Unterrichtsmaterial des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg

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