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Leseförderung: Warum sie für die Medienerziehung so unverzichtbar ist

Leseförderung: Warum sie für die Medienerziehung so unverzichtbar ist

Binge-Watching Wie wirkt sich die Mediennutzung auf die Lesekompetenz aus? (Bild: Jonathan Borba, Unsplash)

Immer weniger Kinder lesen Bücher! Logisch, bei den vielen Smartphones und Tablets, vermuten einige. Doch wie wirkt sich die Mediennutzung auf die Lesekompetenz aus? Wie die Lust am Lesen gleichzeitig die Medienkompetenz stärkt, soll dieser Artikel beleuchten. (Bild: Jonathan Borba, Unsplash)

Lesen ist nicht gleich lesen: Ob überfliegendes, sichtendes, gründliches oder selektives Lesen – jede dieser Techniken muss erst erlernt werden und baut aufeinander auf. Doch zu Grunde liegt die bereits früh erworbene Lesekompetenz. Ob diese Lesekompetenz bei Heranwachsenden in Deutschland so schlecht ist, wie nie zu vor, fragen sich aktuell Pädagoginnen und Pädagogen – und ob es am zunehmenden Internetkonsum liegt. Wir sind der Frage nachgegangen.

Lesen Kinder nicht mehr so gerne?

2021 wurde eine Pisa-Sonderauswertung veröffentlicht, in der die 2018 erhobenen Daten hinsichtlich der Lesekompetenz von 15-Jährigen untersucht wurden. Die Ergebnisse lauteten:

  • Weniger als die Hälfte der 15-Jährigen in Deutschland schafft es, beim Lesen Fakten von Meinungen zu unterscheiden. 
  • Die Begeisterung am Lesen hat in Deutschland in den vergangenen Jahren so stark abgenommen wie in kaum einem anderen Land.
  • Schülerinnen und Schüler, die häufig gedruckte Bücher lesen, bewiesen im PISA-Test eine bessere Lesekompetenz als Schülerinnen und Schüler, die Bücher verstärkt digital lesen.
  • Das Lesen von Büchern auf Papier führt zu besseren Leistungen beim Leseverständnis. In vielen Ländern führt auch das Lesen von Büchern auf digitalen Geräten zu besserem Leseverständnis. In Deutschland konnte dieser Effekt nicht ausgemacht werden.

Bei der Sonderauswertung wurde aber auch eine positive Entwicklung beobachtet:

  • Beim Umgang mit einer Phishing-Mail schnitten deutsche Schülerinnen und Schüler deutlich besser ab als Teilnehmende aus anderen Ländern.

Die jährlich erscheinende JIM-Studie zeigte 2021 folgendes Bild:

  • Nur noch jeder dritte Jugendliche liest täglich oder mehrmals die Woche ein gedrucktes Buch. Das sind 10 Prozent weniger als vor 10 Jahren.
  • Zeitungen und Zeitschriften werden nur von jedem achten Jugendlichen täglich oder mehrmals die Woche gelesen. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 griff fast noch jeder zweite Jugendliche regelmäßig zur Zeitung oder Zeitschrift.
  • Mädchen lesen leicht mehr als Jungen.
  • Auf dem Gymnasium wird mehr gelesen als in der Haupt-/Realschule.
  • Mit fortschreitendem Alter lesen Jugendliche weniger Bücher.

Warum verlieren gedruckte Texte ihren Reiz bei Heranwachsenden?

Wie nie zuvor greifen Heranwachsenden auf ein so vielseitiges Freizeitangebot zurück wie heutzutage: Neben unzähligen Vereinen, Nachhilfe- und Sportangeboten, werden vor allem Bildschirme zum Ort, an dem Heranwachsende sich erholen und einander begegnen können. Jugendliche in Deutschland verbringen laut JIM-Studie 2021 durchschnittlich pro Tag 132 Minuten vor dem Fernseher, 110 Minuten mit Computerspielen und 241 Minuten online (die einzelnen Mediennutzungen können sich dabei überschneiden!). Deutlich wird die Verschiebung der Freizeitaktivitäten auch an der Zeit, die Jugendliche mit Freunden verbringen: Vor 20 Jahren verbrachten fast 90 Prozent ihre Freizeit mit Freunden, während es heutzutage nur noch ca. 60 Prozent sind. Jugendlichen geben selbst zu, „dass einfach die Zeit fehlt“, um Bücher zu lesen und dass Bücher „einfach langweilig“ sind. Auch wird erkennbar, dass digitale Medien für Heranwachsende deutlich kurzweiliger und emotional ansprechender sind.

Ein weiterer Grund für das fehlende Interesse an Büchern könnte beim Vorbild der Eltern und Erwachsenen liegen. Nur 22 Prozent der Deutschen lesen täglich oder mehrmals wöchentlich Bücher. Zum Vergleich: über 30 Prozent der Deutschen lesen seltener als einmal im Monat oder nie gedruckte Bücher!

Warum ist Lesekompetenz so wichtig?

Jörg F. Maaß von der Stiftung Lesen erklärt, dass Bildung und gesellschaftliche Teilhabe nur durch Lesen ermöglicht werden kann und warnt, dass „die Bildungsschere immer stärker auseinander“ geht, wenn Leseförderung keine Früchte zeigt.

Erziehungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sind sich darüber einig, dass es ohne Lesekompetenz für Heranwachsende schwer bis unmöglich wird,

  • am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen,
  • ihr Wissenspotenzial zu erweitern
  • oder ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Was beinhaltet Lesekompetenz?

Mit Lesekompetenz ist nicht nur die rein technische Fähigkeit des Lesens gemeint! Sie beinhaltet laut dem Drei-Ebenen-Modell von Rosebrock/Nix die folgenden drei Komponenten:

  • kognitive Lesefähigkeit: die Leseflüssigkeit und das Textverstehen des Lesenden
  • affektive Lesefähigkeit: die persönliche Freude, Motivation am Lesen sowie die Motivation aus dem Umfeld des Lesenden
  • soziale Lesefähigkeit: die Fähigkeit sich über Leseerfahrungen auszutauschen und gemeinsam Texte zu lesen

Genau an dieser Aufteilung wird sichtbar, warum Lesekompetenz nicht nur aus dem kognitiven Entschlüsseln von Wörtern und Buchstaben besteht, sondern mit sozialen Fähigkeiten kombiniert gedacht werden muss. Daher lässt sich ablesen, wie stark Lesekompetenz mit dem Vorlesen und Gemeinsam-Lesen einhergeht.

Was hat die Lesekompetenz mit Medienkompetenz zu tun?

Lese- und Medienkompetenz „sind eng miteinander verzahnt und müssen in didaktischer Sicht zusammengedacht werden“ schrieb Katja Haug bereits 2005 in lesen-in-deutschland.de. Darüber hinaus weist sie auf zahlreiche Untersuchungen hin, die zeigen, dass bessere Leserinnen und Leser auch bessere Mediennutzerinnen und -nutzer sind. Um dies anschaulicher zu beschreiben, stellte Ulrich Wechsler, Vorstandvorsitzender der Stiftung Literaturhaus, folgende Frage: „Hat jemand schon mal ein Kind gesehen, das Fahrradfahren konnte, bevor es laufen gelernt hatte?“

Warum kann digitales Lesen nicht das Lesen von Gedrucktem ersetzen?

Bereits seit Beginn der Nullerjahre vergleichen Hirn- und Erziehungsforscher die Wirkung von digitalem und analogem Lesen. Ein Fazit: „Lesen im Internet ist anstrengender und tendenziell oberflächlicher“, erklärt Hirnforscher Peter Gerjets.

Der Vergleich vom Lesen gedruckter und digitaler Inhalte bringt eine Reihe von Unterschieden ans Licht:

  • Nur konzentriertes, tiefes Lesen trägt maßgeblich zur Lesekompetenz bei. Diese findet im Internet deutlich seltener statt.
  • Das Arbeitsgedächtnis wird beim digitalen Lesen stärker beansprucht, da stärker ablenkende Impulse verarbeitet werden müssen. Das beeinträchtigt das Text- und Leseverständnis.
  • Beim analogen Lesen ist eine tiefere und länger andauernde Verarbeitung von Informationen möglich.
  • Beim analogen Lesen trainiert das Gehirn stärker die Fokussierung und Konzentration.
  • Inhalte aus gedruckten Büchern werden besser erinnert als die aus digitalen Texten.
  • Beim Lesen von Gedrucktem erlebt das Gehirn deutlicher das Erfolgserlebnis des Vorankommens.
  • Digitales Lesen muss extra eingeübt werden.

Wie kann Lesekompetenz gefördert werden?

Hinter vielen technischen Anschaffungen für Kinder (Kindertablet, Roboter etc.) steckt manchmal der elterliche Ehrgeiz, ihre Sprösslinge auf die Zukunft vorzubereiten oder der Drang, mit anderen mithalten zu müssen. Leider wird oft verkannt, dass der größte Booster für „21-century-skills“ in der jahrhundertealten Tradition des Vorlesens bzw. der Lesesozialisation der Familie steckt.

Vorlesen hat unzählige positive Eigenschaften: Vorlesen vergrößert den Wortschatz, steigert das Mitgefühl, fördert die Konzentration und erleichtert das Lesenlernen.

Doch es existieren noch mehr Möglichkeiten, mit denen Eltern die Lesekompetenz ihrer Kinder langfristig positiv prägen können:

  • Bei Fragen, auf die Eltern keine Antwort wissen, statt der Suchmaschine das heimische Lexikon oder ein Fachbuch konsultieren.
  • Kinder beim Lesen lernen unterstützen (Lesestrategien üben, Ablenkungen beseitigen, Konzentration fördern).
  • Textverständnis durch Bewegungs- oder Lügengeschichten fördern.
  • Durchs Vorbild: Selbst Bücher lesen.
  • Statt ins Einkaufszentrum mal zusammen in die Bücherei gehen.

Stand: April 2022

Weiterführende Informationen

Über den Autor

Christian Reinhold ist seit über 10 Jahren Redakteur der Initiative Kindermedienland. Privat fotografiert er leidenschaftlich gern und spielt Gitarre.