HERE GOES INVISIBLE HEADER

Geister-Apps, Finsta-Accounts, VPNs: Was verstecken Kinder auf Ihren Handys?

Geister-Apps, Finsta-Accounts, VPNs: Was verstecken Kinder auf Ihren Handys?

Geister-Apps Was verstecken Kinder auf dem Smartphone? (Bild: Austin Pacheco / Unsplash)

Unter Heranwachsenden hat sich rumgesprochen, dass ihre Eltern unerwünscht ihre Smartphones durchforsten – manchmal heimlich oder gar offensichtlich. Um peinliche oder problematische Fotos und Videos zu verstecken, werden Kinder erfinderisch. Wir zeigen, wie und wo Eltern digitale Geheimverstecke ausfindig machen können. 

Geister-Apps: geheime Fotos als Taschenrechner getarnt 

Kinder nutzen Geister-Apps, die wie eine Taschenrechner-App oder ein Audio-Einstellungssymbol anmuten, hinter denen sich aber passwortgeschützte Dateien verbergen. Wer auf Google Play oder im App-Store nach einem „Calculator Lock“ oder „Audio Manager Vault“ sucht, wird schnell fündig. Offensichtlicher sind Apps wie „Safe Folder“ oder „WeVault“, mit denen sich Dateien wie Fotos oder Videos per Passwort absichern lassen. 

Der Finsta-Account: Zweit-Accounts für die privaten Dinge 

Ein weiterer Trick, mit dem nicht nur Eltern, sondern auch Gleichaltrige in die Irre geführt werden sollen, ist der sogenannte Finsta-Account. Finsta steht für einen „Fake Instagram“-Account (dt. gefälschter Instagram-Zugang). Um private Instagram-Aktivitäten vor den Eltern, Freunden oder Lehrkräften zu verbergen, wird ein zweiter Instagram-Nutzer angelegt, auf dem nur „harmlose“ Fotos und Videos gepostet werden. Der echte Instagram-Account – der sogenannte „rinsta“, zu Deutsch „reale Instagram“-User – wird nur den besten Freunden oder dem Partner zugänglich gemacht. Eltern können davon ausgehen, dass Kinder diese Zweit-Accounts auch auf TikTok, Snapchat oder Facebook einsetzen, falls sie was zu verbergen habe. 

Eine weitere Form des Zweit-Users besteht darin, ein Profil zu erzeugen, was überhaupt nicht auf die eigene Person zurückgeführt werden kann – z. B. mit einer fiktiven Person wie der eines Schauspielers, eines anderen Geschlechts oder mithilfe eines Kunstnamens. Damit können Heranwachsende Interessen nachgehen, die mit ihrem „realen“ User für peinliche Momente sorgen könnten – z. B. wenn ein Junge sich für eine Mädchen-Serie interessiert oder wenn er positive Kommentare, Komplimente oder Bestätigungen auf seinem echten Account fälscht.  

Das Zweithandy: ideal, um unentdeckt zu bleiben 

Wenn die Angst vor Entdeckung wächst, kommen Heranwachsende auf die Idee, ein altes, ausrangiertes, aber Internet-fähiges Smartphone – z. B. dass der älteren Geschwister – einzusetzen. Hiermit können Heranwachsende verbotene Internetseiten aufrufen, Spiele für Ältere zocken oder intime Fotos und Videos speichern. Auch Messenger-Apps wie KIK, Telegram, Discord oder Skype können sogar ohne aktivierter SIM-Karte genutzt werden. Elterliche „Durchsuchungen“, die sich nur auf das bekannte Smartphone beziehen, verhindern nicht, dass Heranwachsende mit Gleichaltrigen oder Älteren unangenehme Inhalte austauschen. 

Sollten Eltern ihre Kinder mit Smartphone-Entzug bestrafen wollen, so haben diese bereits den idealen Bluff parat: Sie werden zwar mit trauriger Miene ihr offizielles Smartphone rausrücken, danach aber siegesgewiss ihr verstecktes Zweithandy rauskramen. 

Verschwindende Nachrichten 

Um sich nicht mehr darum sorgen zu müssen, dass Eltern oder Freunde peinliche Fotos oder Videos entdecken, hat Snapchat den Selbstzerstörungs-Mechanismus eingeführt. Auf der unter Jugendlichen beliebten Snapchat-App verschwinden Fotos oder Videos voreingestellt nach wenigen Minuten vom Smartphone. Genau hier liegt der Trugschluss vieler Minderjähriger: Die Fotos verschwinden zwar vom Smartphone, können aber mithilfe eines zweiten Smartphones oder Apps kopiert werden. Leichtsinnig verschickte Fotos können so im Klassenchat weitergeleitet werden oder auf zwielichtigen Seiten landen. Eltern, die ihren Kindern den Umgang mit Snapchat erlauben wollen, sollten sicher sein, dass sie bereits die Reife mitbringen, um mit der „verführerischen“ Funktion verantwortungsvoll umzugehen. 

VPN-Apps: heimlich surfen, ohne dass es die Filtersoftware der Eltern merkt 

Das Schulnetzwerk umgehen, anonym im Internet surfen, gratis Filme und TV-Serien anschauen – all das wird mit einer VPN-App zum Kinderspiel. „VPN“ steht für „virtual private network“ und bedeutet, dass mithilfe eines privaten Server-Netzwerks die eigenen Internet-Aktivitäten verschleiert werden können. Erwachsene nutzen diese Technik, um etwa regionale Blockierungen zu umgehen. Beispielsweise nutzten türkische Userinnen und User die VPN-Technik, um in ihrem Land die gesperrte Twitter-App nutzen zu können. Aber auch Jugendliche sind damit in der Lage, illegal Filme oder Musik herunterzuladen und zeitgleich ihre Identität bzw. ihre IP-Adresse zu verschleiern. Die VPN-Technik lässt sich auch dazu nutzen, um von Eltern installierte Jugendschutz-Apps oder -Filter zu umgehen.   

Wie sollten Eltern mit den Tricks ihrer Sprösslinge umgehen? 

Hier ein kleiner Maßnahmenplan:   

Vertrauensvolle Atmosphäre schaffen 

Wenn zu Hause viel Zoff herrscht oder Kindern kein Selbstbewusstsein zugesprochen wird, tendieren Heranwachsende dazu, sich abzuschirmen und in „ihre eigene Welt“ abzutauchen. Damit steigt auch die Notwendigkeit, die Internetaktivitäten zu verschleiern.  

Sich selbst und die Kinder aufklären 

Je souveräner Eltern sich mit der Technik auskennen und sich für die digitalen Tätigkeiten der Kinder interessieren, umso weniger sind Kinder motiviert, ihre Eltern „austricksen“ zu müssen. Die Kinder über die Risiken von intimen Fotos, Gewaltvideos, Hassnachrichten oder illegaler Downloads aufzuklären, ist deutlich nachhaltiger, als ihnen heimlich nachzuspionieren.  

Gemeinsam Regeln aufstellen  

Wenn Kinder in einem Mediennutzungsvertag selbst mitbestimmen dürfen, was für sie inhaltlich geeignet ist und was nicht und sie ihre eigenen Grenzen definieren dürfen, wird die Versuchung, in die Trickkiste zu greifen, geschmälert.  

Nach Absprache das Smartphone kontrollieren 

Eltern, die ein Auge auf die Smartphone-Aktivitäten ihrer Kinder haben wollen, kommen nicht darum, gelegentlich das Smartphone zu überprüfen. Idealerweise geschieht das nicht heimlich, sondern im Einvernehmen des Kinders. Wenn vorher bereits in einem Mediennutzungsvertrag (s. o.) festgelegt wurde, dass die Eltern letztendlich für das Smartphone verantwortlich bleiben und dass die Technik nur eine freundliche Leihgabe darstellt, werden Kinder auch keinen Wutanfall bekommen und ihren „Privatbesitz“ verteidigen. 

Nach neuen Apps Ausschau halten 

Wenn Eltern auf dem Gerät neue Apps finden, sollten sie sich diese von ihren Kindern erklären lassen. Sollte der Verdacht entstehen, dass „geflunkert“ wird, sollten Eltern nach dem Namen der App googlen und sich über deren Eigenschaften informieren. 

Sicherheitseinstellungen: die Installation neuer Apps unterbinden 

Gerade bei jüngeren Kindern unterhalb von 14 Jahren lohnt es sich, die Installation neuer Apps auf dem Smartphone zu unterbinden. Wie das geht, lernen Eltern auf www.medien-kindersicher.de 

Stand: November 2021

Weiterführende Informationen

Über den Autor

Christian Reinhold ist seit über 10 Jahren Redakteur der Initiative Kindermedienland. Privat fotografiert er leidenschaftlich gern und spielt Gitarre.