Baden-Württemberg Kindermedienland

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Bülent Ceylan

Bülent Ceylan

Bülent Ceylan

(Komiker)

„Als Vorbereitung auf das spätere Leben ist der frühe und geübte Umgang mit den vielen medialen Möglichkeiten fast schon Grundvoraussetzung.“  

Bülent, wie waren deine ersten Erfahrungen mit Computern? Warst du mehr so ein C64er-Nerd, Leseratte oder ein Mofa-Schrauber?

Ich war schon eher eine Mischung aus allem. Wir waren viel draußen unterwegs, ich habe auch gerne gelesen, aber ich war auch schon früh an Computerdingen interessiert. Damals war das schon ein großer Schritt von der Schreibmaschine zum Bildschirm mit Tastatur. Heute geht alles so rasend schnell, dass die Kids heute schon ein Computerwissen haben, wie vor 30 Jahren nur die Spezialisten. Aber darin liegt auch die Gefahr, denn oftmals können User in diesem Alter die tatsächlichen Bedrohungen durch die oft zu transparente Internetkommunikation nicht einschätzen.

Als Kind, was war deine Lieblingsfigur aus den Medien (TV, Film, Buch)?

Pumuckl. Den fand ich klasse. Der war immer so schön frech und vorlaut.

Du bist auch auf Facebook. Welche Erfahrungen hast du mit Cybermobbing/Stalking gemacht? Welche Tipps hast du für Jugendliche diesbezüglich?

Auf meine Facebookseite gelangt kein Foto, dass ich nicht will und die Messages dort werden permanent kontrolliert und von Cybermüll befreit. Aber ich betreibe diese Seite ja nur aus beruflichen Gründen und ausschließlich so sehe ich auch die mittlerweile mehr als 1,5 Millionen Kontakte dort. 

Privat muss ich ja besonders vorsichtig sein, was ich da an mich ranlasse, denn ich habe tatsächlich das ein oder andere mal mit besonders aufdringlichen und nahezu abartigen Kontaktversuchen zu tun gehabt. Wie gefährlich das erst ist, wenn dazu noch die Möglichkeit besteht, alle privaten Informationen eines Menschen griffbereit auf dem Bildschirm zu haben, ist meines Erachtens noch gar nicht abzusehen.

Nicht der ist cool, der so viel wie möglich in seinen Internet-Profilen und auf den „Chroniken“ aus seinem privaten Leben preis gibt, nur um sich eventuell interessant oder wichtig zu machen (denn um mehr geht es meistens nicht), sondern der, der sich dort bedeckt hält und Kontakte ausschließlich und konsequent mit persönlich bekannten Menschen pflegt oder neue Kontakte nur nach ausführlicher Prüfung zulässt.

Mobbing kommt verstärkt an Schulen vor. Du hast dich in einem Radio-Rumms-Interview für Schuluniformen ausgesprochen. Was können deiner Meinung nach Schulen noch tun, um respektvolles Verhalten zu fördern?

Schuluniformen lösen zu erst mal den visuell prägnanten Unterschied in Bezug auf Kleidung auf. Das Problem von Mobbing und Gewalt liegt aber woanders. 

Jeder Schüler hat ab dem ersten Tag das gleiche Recht auf Bildung wie alle anderen auch, aber eben nicht von Geburt an die gleichen Möglichkeiten. Die Qualitäts-Differenzen in Aus- und Weiterbildung liegen genau in diesen unterschiedlichen, meist leider herkunftsbezogenen Voraussetzungen. Das hat die Politik seit Jahren nicht geändert, eventuell sogar gewollt. Darin liegt meiner Meinung auch der Grund für das Leistungsgefälle an unseren Schulen. Daraus resultieren wieder erkennbare Standesunterschiede und daraus Überheblichkeit und Neid, Ablehnung und Aggressionen, falscher Stolz und Gleichgültigkeit. Ohne ausreichende Bildung bleiben viele junge Menschen auf einem Niveau, mit dem sie nicht mithalten können, auf dem Schulhof, auf der Strasse oder in irgendeiner „total wichtigen“ Community. Man muss sich nur mal die Sprache in den diversen Internetforen ansehen – „Da paggt misch ovd daß kallde Krausn!“

Und dann kommt eben Aggression ins Spiel, denn die einzige Argumentation der Dummen ist dann körperliche Gewalt und ich betone das auch ausdrücklich: Nur dumme Menschen schlagen!

Diese Problematik zu vermitteln ist zu allererst die Aufgabe der Eltern, aber da scheitert es oft an Zeit und Interesse. Die Schule muss meiner Meinung nach dann auf die Kräfte setzen, die durch Gruppenverpflichtungen und regelmässig offenen Umgang mit Konflikten entstehen können. Schwört euch gemeinsam und mit demokratischen Entscheidungen ein auf eine gute zwischenmenschliche Ebene, setzt euch ab von den üblichen coolen Mackertypen und stellt euch als Gruppe hinter jeden der in eurer Gemeinschaft mit euch die Zeit verbringt und streitet nur dann, wenn ihr bereit seid, gemeinsam nach einer besseren Lösung zu suchen und nicht, um zu gewinnen. Dann werdet ihr alle Sieger sein!

Bülent, gibt es eine Sache die du schon immer mal Eltern sagen wolltest, wenn es um den Umgang mit PC, Handy oder TV in der Familie geht?

Fernsehverbot als Strafe war, so unlogisch es auch ist, in meiner Jugend noch möglich. Heute wäre 6 Stunden „Fernseh gucken müssen“ eine noch härtere Strafe, weil dann die Zeit von der am Computer oder am Smartphone abgeht. Ich beobachte durchaus mit Bedenken, wie sich Mitteilungsfreudigkeit, Distanzlosigkeit und Intimitätsverlust durch die suchtähnliche Abhängigkeit von Smartphones und Internet entwickeln. 

Ein ca. 14-jähriger Junge am Nachbartisch beim Italiener wurde aufgefordert sein Handy wegzulegen und endlich seine Pizza zu essen. Er hat sie in 5 Minuten verschlungen und dann entsetzt festgestellt, dass er in der Zwischenzeit 35 SMS verpasst hat. Ich hoffe nicht, dass das der Maßstab ist für die Zukunft unserer Kommunikation ist.

Ich rate einfach, dafür zu sorgen, dass direkte persönliche Kontakte nicht zu kurz kommen, dass es auch Handy freie Zonen und Zeiten zu geben hat und dass jeder nicht nur weiß, was der andere gerade gemacht hat, sondern auch noch weiß, wie er lacht, wie er riecht, wie warm er strahlt, wie er dich in den Arm nimmt und wie er sich freut, dich zu „sehen“!

Eltern sind dabei ganz stark in der Pflicht, die ehrliche und vertrauensvolle Kommunikation in der Familie auf gleichen Ebenen zu führen und sie dauerhaft zu etablieren. So erreicht man übrigens sein Kind auch noch in jeder schwierigen Lebenslage und wird auch vertrauensvoll einbezogen. Leider sind viele Eltern nur allzu schnell dabei, auf die Medien, den Staat (ein bisschen mit Recht) und auf die Umstände zu schimpfen. Aber Vertrauen geht zuerst zuhause verloren! 

Was wäre deine "Mediensucht": Spielekonsole, Facebook/WhatsApp oder TV-Serien?

Meine einzige Sucht ist die Bühne. Da muss ich rauf und Leute zum Lachen bringen. Ansonsten halte ich mich nicht besonders oft an Computern auf. Ich spiel mal was und lese mal was interessantes und das war's dann auch schon. Auch schon kleine „Süchtigkeiten“ halte ich für problematische Fluchten vor Verantwortung und Leistung, und für die klar erkennbare Suche nach dem leichten Weg, nach dem kurzen Glück und nach Betäubung, nur um sich nicht um anstehende Probleme oder um das Leben an sich kümmern zu müssen.

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