Medienpädagogischer Fachtag im Rahmen der Stuttgarter Kinderfilmtage 2015

Medienpädagogischer Fachtag (Stuttgarter Kinderfilmtage 2015)

Was Verbotsschilder und Schnee gemeinsam haben – von der Medienarbeit mit Flüchtlingskindern

Ein Bericht vom medienpädagogischen Fachtag im Rahmen der Stuttgarter Kinderfilmtage am 2. Dezember 2015

Die vielen Verbotsschilder und der Schnee in Deutschland sind für die meisten der jungen Flüchtlinge noch unbekannt. Kein Wunder also, dass wenn Flüchtlingskinder Deutschland fotografieren, sie solche Motive besonders gern fotografieren. Bei einem Fachtag unter dem Titel „Medien verbinden – Vielfalt praktisch erleben“ im Stuttgarter Treffpunkt Rotebühl ging es um diese und andere Besonderheiten von Medienprojekten, die mit Kindern und Jugendlichen mit Flucht- und Migrationshintergrund durchgeführt werden. 

Der größte Stolperstein: Menschen anderer Herkunft auf ihre Herkunft reduzieren

Medienpädagogin Lena König vom Evangelischen Medienhaus betonte vor rund 100 Erzieherinnen und Erziehern, dass das Thema „Medien verbinden – Vielfalt praktisch erleben“ im Laufe der Vorbereitung durch die politischen Ereignisse eine noch größere Bedeutung bekommen hat. Auch der Hauptgastredner Dr. Peter Holzwarth von der Pädagogischen Hochschule Zürich griff die aktuelle Flüchtlingsproblematik auf, indem er die Zuhörerinnen und Zuhörer zunächst  mit dem Bild des toten Kindes am türkischen Strand konfrontierte. Es ist zum Sinnbild der Dramatik der gegenwärtigen Flüchtlingsbewegung geworden.  Er meint, dass eine solche „Fotoikone“ notwendig gewesen sei, um die Medienberichterstattung zu verändern, die Menschen auf der Flucht bislang als anonyme Masse darstellte. Endlich wäre durch dieses Bild das Schicksal Einzelner in den Mittelpunkt gerückt und hätte dadurch eine politische Reaktion hervorgerufen. Daraus ableitend forderte er von den Medien eine möglichst objektive Darstellung des Themas „Flüchtlinge“.

Nach diesem Einstieg leitete er zum eigentlichen Thema seines Vortrages über, zur „Medienbildung mit Kindern und Jugendlichen aus Flucht- und Migrationskontexten“. Provokativ stellte er zum Thema „Medienbildung“ ein etwas abgewandeltes Zitat von Harvard-Präsidenten Derek Bo in den Raum: „If you think media-education is expensive, better try ignorance“ (dt.: „Wer denkt, dass Medien-Bildung teuer sei, sollte besser Unwissen ausprobieren“. Nach Ansicht von Holzwarth ist Medienbildung für alle gesellschaftlichen Gruppen unbedingt erforderlich. So präsentierte er den Zuhörern ein Fotoprojekt, bei dem Kinder mit Migrationshintergrund Fotos anfertigten und dazu Bildunterschriften verfassten. Als besonders bemerkenswert fand er die Bildunterschrift „Ich will Schnee fotografieren, weil es in Vietnam keinen Schnee gibt.“ Außerdem verwies Peter Holzwarth anhand einer Szene aus dem Film „Freedom writers“ auf den größten Stolperstein, den es bei der Arbeit mit Menschen anderer Herkunft gibt – nämlich sie auf ihre Herkunft zu reduzieren.

Was für die Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund spricht

Peter Holzwarth zählte einige Gründe auf, die für die Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sprechen:

  • Die Projekte bieten den Kindern mit Migrationshintergrund die Möglichkeit des Selbstausdrucks und das Erleben von Selbstwirksamkeit.
  • Visuelle Darstellungen helfen bei der Überbrückung der Sprachbarrieren.
  • Durch Medien manifestieren sich Lernprozesse, es kommt zu Feedback und Anerkennung.
  • Ausstellungen der produzierten Medien sind technisch einfach realisierbar.

Daraufhin stellte er eine Reihe von Projekten vor. Dazu zählten das Fotoprojekt „Heimat“ oder das Stuttgarter Projekt „(Vor-)bildlich: Jung! Allein! Heimatlos?! Willkommen?“. Zum Abschluss gab Peter Holzwarth noch Ken Tanakes Sketch „What kind of Asian are you?” zum Besten, in den die Frage „Woher kommen Sie?“ zu Irritationen führt.

Heilmann-Zwerger: Medienarbeit ist Beziehungsarbeit

Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden drei Praxisprojekte vorgestellt, die sich der Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Migrations- oder Fluchthintergrund widmen. Als erstes berichtete Renate Heilmann-Zwerger vom Projekt „Kaffee, Kuchen, Kino“ in Stuttgart-Birkach. Hier veranstaltet das evangelische Medienhaus zusammen mit dem Elternseminar des Jugendamtes der Stadt Stuttgart Filmnachmittage. Speziell für Familien mit Migrationshintergrund werden Filme gezeigt und praktisches Wissen vermittelt. Das ganze wird von einer gemeinsamen Mahlzeit – dem Kaffee und Kuchen – eingeleitet, denn „Medienarbeit ist Beziehungsarbeit“, so Renate Heilmann-Zwerger. Was in vielen der besuchenden Familien nicht praktiziert wird, ist das gemeinsame Filmerleben. Einige der anwesenden Eltern erfuhren zum ersten Mal, was die Kinder bewegt, wenn sie in den Filmen mit tragischen Erlebnissen konfrontiert werden. Nach der Filmvorführung wird deshalb für Jung und Alt ein Filmgespräch angeboten. Die Referenten fragen danach, wie ihnen der Film gefallen hat und stellen Bücher zum Film vor. Danach geht es mit aktiver Medienarbeit weiter: die Teilnehmer fertigen ein Fotorätsel an oder produzieren einen Trickfilm mithilfe des Legetricks.
Nach vierjährigen Bestehen hat sich „Kaffee, Kuchen, Kino“ etabliert und wird regelmäßig von Familien in Stuttgart-Birkach wahrgenommen. Die Mediennutzung der Besucher ist mittlerweile viel differenzierter. Nach Beobachtung der Betreuer wird nicht mehr alles gekuckt, was auf die Leinwand kommt und es wird auch mal Kritik geäußert. Um das Angebot bekannt zu machen, musste aber laut Renate Heilmann-Zwerger kräftig die Werbetrommel gerührt werden. In Kitas wurden die Eltern über einen längeren Zeitraum persönlich eingeladen und die Aktion mit mehrsprachigen Postern beworben. Mehr Informationen zum Projekt findet man hier.

Betreuungsschlüssel „2 zu 1“ ratsam

Ein ganz anderes Projekt stellte Kati Struckmeyer vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in München vor. Das JFF organisierte zusammen mit dem Münchner Verein Refugio Fotografie-Ausflüge für Flüchtlingskinder. Mehrere Betreuern fuhren mit den Kindern an den Münchner Stadtrand und ließen sie Dinge fotografieren, die für sie an Deutschland ungewöhnlich sind. Entsprechend viele Bilder von Werbeplakaten, Verbotsschildern und Weihnachtsdekorationen landeten auf den Speicherkarten der Digitalkameras. Am zweiten Tag des Projektes suchten die Kinder die besten Fotos aus, bearbeiteten sie, druckten sie aus und fertigten selbst einen Bilderrahmen an. Die Fotos wurden bereits auf einer Vernissage präsentiert und landeten als Wanderausstellung unter anderem im Münchner Rathaus. Kati Struckmeyer hob hervor, dass so ein Fotoausflug nur mit einem besonders hohen Betreuungsschlüssel möglich sei. „Drei zu eins, oder bestenfalls zwei zu eins“ empfahl sie den Zuhörern. Wichtig sei auch, dass die Betreuer in der Lage sind, mit Traumata umzugehen. Im Falle eines „Flashbacks“, wenn Erinnerungen aus der Vergangenheit des Kindes urplötzlich wachwerden, müsste kurzfristig ein positives sinnliches Erlebnis, wie eine Umarmung, möglich sein. Die Organisatoren solche Fotoprojekte sollten auch mehr Zeit für die Organisation und Überwindung von Sprachbarrieren einplanen. Fotografische Instruktion sei eher zweitrangig, eine funktionierende Technik dafür umso wichtiger.

Wenn Kinder die Muttersprache genießen

Wie man mit Grundschul-Flüchtlingskindern Trickfilme herstellt, darüber berichtete Stephanie Pickl, Gesellschafterin von „mediale pfade“. Über vier Monate lang durften die Kinder einmal pro Woche mithilfe des Legetricks ihre eigene Kreativität ausleben. Besonders reizvoll war für die Kinder, die Trickfilme in ihrer eigenen Muttersprache zu vertonen. Aus der Arbeit mit Flüchtlingskindern leitete Stephanie Pickl drei wichtige Erkenntnisse ab:

  1. Die Kinder genießen es, in ihrer eigenen Sprache zu agieren.
  2. Gruppenarbeit ist aufgrund unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Altersstufen schwer. Individuelles Arbeiten ist daher zielführender.
  3. Insbesondere bei Kindern mit Flüchtlingshintergrund muss auf die Einholung von Bild- und Tonrechten geachtet werden. Das kann bei noch nicht abgeschlossenen Asylverfahren schwierig sein. Wichtig ist hierbei der Kontakt zum gesetzlichen Vormund.

Mehr zur Trickfilmarbeit findet man unter http://www.trickfilmtage.de/.

Und zur Trickfilmarbeit allgemein hier: http://www.lmz-bw.de/video-trickfilm.html

Workshops mit aktiver Medienarbeit sind auch im Rahmen unserer Programme „101 Schulen“, dem Eltern-Medienmentoren-Programm und dem „Schüler-Medienmentoren-Programm (SMEP)“ möglich. Im Rahmen von „101 Schulen“ können Schulen Workshops, Informationsveranstaltungen und Kurse zur aktiven Medienarbeit beim LMZ abrufen. Im Rahmen des Eltern-Medienmentoren-Programms können Eltern-Kind-Workshops stattfinden. Bei SMEP lernen Schülerinnen und Schüler, wie sie Workshops zu Medienthemen selbst durchführen können, um jüngeren Mitschülern ihr Wissen weiterzugeben.

http://www.kindermedienland-bw.de/de/startseite/beratung/zielgruppen/fachkraefte/veranstaltungen/medienpaedagogischer-fachtag-im-rahmen-der-stuttgarter-kinderfilmtage-2015