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Junge Flüchtlinge fotografieren Stuttgart

(Vor-)bildlich: Jung! Allein! Heimatlos?! Willkommen?

Junge Flüchtlinge fotografieren Stuttgart

Eine Fotoaustellung gibt Einblicke in den Flüchtlingsalltag

Fazal, Rohullah, Hamid und Nouman teilen das gleiche Schicksal. Im Beamten-Deutsch werden sie als UMF bezeichnet: unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die Evangelische Gesellschaft Stuttgart (eva) betreut etwa 20 dieser jungen Menschen. Unterstützt von Aktion Jugendschutz und der Bischöflichen Medienstiftung der Diözese Rottenburg-Stuttgart wurde für die Jugendlichen ein Fotoprojekt auf die Beine gestellt. Das Projekt möchte den jungen Flüchtlingen ein Gesicht geben und ihnen den Dialog mit der Öffentlichkeit ermöglichen. Die Fotos konnten in einer Ausstellung im Jugendhaus Mitte bestaunt werden. Wir haben uns mit Hamid, Nouman und Rohullah über ihre Fotos, Fußball und Familie unterhalten.

Auf welches Foto seid ihr besonders stolz?

Hamid: Ein Bild hat mir besonders gut gefallen. Ich durfte es aber nicht zeigen, weil ich die Person auf dem Foto nicht um Erlaubnis gefragt hatte. Das war von einem kleinen Kind auf der Königstrasse, das vor seiner Mutter getanzt hat. Die Mutter hat gelacht und von ihrem Kind ein Foto gemacht. Das fand ich wunderschön! Das Foto hab ich immer noch!

Was hat dir an dem Bild so gefallen?

Hamid: Das war eine Mutter mit ihrem Kind. Das ist das, was ich mir immer gewünscht habe, als ich Kind war. Mit meinen Eltern ein bisschen glücklich sein, mit meiner Mutter mal in den Park gehen, einfach mal spielen. Das war immer mein Wunsch. Es ging aber nicht.

Wegen des Krieges?

Hamid: Nein, nicht deswegen. Meine Mutter hatte einfach keine Zeit, weil sie immer arbeiten musste. Wir waren viele Geschwister und meine Mutter musste immer meinem Vater helfen, waschen und kochen. So hat sie nie Zeit gehabt.

Und was waren eure Lieblingsbilder Rohullah und Nouman?

Rohullah: Das vom gekochten Essen meiner Mutter. Wenn ich das Bild sehe, dann erinnere ich mich an meine Mutter, an meine Familie.

Nouman: Ich bin besonders stolz auf das Foto von der Bibliothek. Mir gefallen die vielen Bücher und Treppen und das blaue Licht vom Wasser.

Wieviel Bilder habt ihr gemacht und womit habt ihr fotografiert?

Hamid: Ich hab nicht so viele Bilder gemacht, nur 15 und davon sollte man 6 Bilder auswählen. Die Fotos haben wir mit dem Smartphone gemacht.

Rohullah: Ich hab über 20 Bilder gemacht.

Nouman: Bei mir waren es 24 Bilder, die ich mit dem Handy gemacht habe. Die Bilder wurden dann bearbeitet.

Mit was wurden die Bilder bearbeitet? Mit Photoshop?

Hamid: Mit Photoshop nicht, aber mit einer kleinen App, mit der man die Farbe dunkler oder heller machen kann. Die App heißt Fotor.

Und würdet ihr nach dem Projekt gerne mit der Fotografie weiter machen?

Hamid: Wenn ich Zeit habe in der Freizeit, dann mache ich schon Fotos.

Rohullah: Also wenn ich was Interessantes sehe, dann mache ich ein Foto. Das ist mein Hobby! Aber ich will meine Schule weitermachen und Fotos mache ich nicht, weil ich das zum Beruf machen will, sondern weil ich Sachen, die mir gefallen, gerne fotografiere.

Was für Hobbies habt ihr sonst?

Nouman: Außer dem Fotografieren spiele ich sehr gerne Tennis.

Hamid: Meine Hobbies sind Schwimmen und Fußball spielen. Aber nur freizeitmäßig zwei bis drei Mal die Woche mit den Jungs. Da kommen viele Jungs aus Afghanistan und anderen Ländern, so um die 30 Personen mit denen wir spielen.

Rohullah: Ich spiele auch Fußball. Aber nicht mehr so wie früher, weil ich mehrere Operationen hatte und jetzt keine Lust mehr habe.

Und wer ist euer Sport-Idol?

Rohullah: Ich bin Fan von Ronaldo.

Hamid: Und ich von Messi.

Nouman: Roger Federer ist mein Idol.

Was ist euer Lieblingsort in Stuttgart?

Hamid: Fernsehturm, Schlossplatz.

Rohullah: Bad Cannstatt ist am schönsten! Da ist der Neckar, da sind die Stadien.

Nouman: Mein Lieblingsort ist der Schlossplatz.

Wie findet ihr die Menschen in Stuttgart?

Hamid: Ich finde die Leute sehr nett. Ich war aber letztes Jahr in einer Firma und habe da als Metallbauer zwei Wochen ein Praktikum gemacht. Da haben zwei Mitarbeiter ständig miteinander auf Schwäbisch geredet und ich habe kein Wort verstanden. Der Kollege war deswegen auf mich sauer, weil er mich auf schwäbisch um einen Hammer gebeten hat und ich das nicht verstanden hab. Die haben dann sowas wie „ufflega“ und „uffpassa“ gesagt. Solche Worte habe ich da gelernt. Aber die meisten Leute hier finde ich sehr nett in Stuttgart.

Gibt es Dinge, die euch hier nicht so gut gefallen?

Hamid: Keine Ahnung, eigentlich ist alles gut hier. Für mich ist alles gut in Deutschland, aber mir fehlt meine Familie. Wenn ich meine Familie hier hätte, dann wäre es perfekt. Wenn jemand in unserer Situation ist, dann versteht er besser wie ein Leben ohne Familie ist. Im meiner Schule gibt es z. B. Jungs aus Italien, die ständig davon reden, dass sie endlich ohne ihre Familie leben können, sobald sie 18 sind. Ich habe ihnen dann gesagt, wie ein Leben ohne Familie ist. Aber die verstehen das nicht richtig. Ich denke, wenn die in meiner Situation wären, würden sie das besser verstehen. Die denken, dass sie ohne ihre Familie endlich frei wären und alles machen können. Aber ich glaube, dass Familie wichtiger ist.

Was vermisst ihr noch aus eurer Heimat?

Nouman: Ich vermisse am meisten meine Freunde aus der Heimat.

Hamid: Eigentlich sind wir ja Afghanen aber unsere Familien leben im Iran. In meiner Familie wird afghanisches Essen gekocht, manchmal auch iranisch. Ich vermisse, wie das bei meiner Mutter schmeckt. Bei Mutter essen ist besser als beim 4-Sterne-Koch!

Könnt ihr kochen?

Rohullah: Jeder kann kochen!

Wie oft habt ihr Kontakt mit eurer Familie?

Hamid: Ich telefoniere mit meiner Familie drei- bis viermal im Monat. Ich bekomm so auch mehr mit, was in meiner Heimat passiert, als über die Nachrichten.

Nouman: Bei mir ist das anders. Seitdem ich in Deutschland bin, habe ich keinen Kontakt mehr mit meiner Familie.

Wie bist du damit klar gekommen, hier ganz alleine auf dich gestellt zu sein?

Nouman: Am Anfang war es sehr schwierig, weil ich niemanden kannte und die Sprache nicht beherrschte. Was mir da geholfen hat war die Betreuung durch das Jugendamt, der Deutschkurs und das Angebot der Stadtbibliothek. Da kann ich ins Internet und es gibt Bücher in meiner Sprache.

Was würdet ihr gerne uns Deutschen sagen, was sie über Flüchtlinge wissen sollten?

Nouman: Ich möchte die Deutschen daran erinnern, dass ich ganz alleine hier bin und meine Familie weit weg ist.

Hamid: Ich würde Euch gern sagen, dass nicht alle Leute gleich sind. Wenn einer was Schlimmes macht, dann heißt das nicht, dass alle so sind. Ich bin jetzt seit dreieinhalb Jahren hier und habe schon meinen Hauptschulabschluss geschafft. Jetzt mache ich meinen Realschulabschluss und wenn es nicht klappt, dann eine Ausbildung. Ich habe ein Ziel.

Und was würdet ihr gerne beruflich machen?

Nouman: Mein Traumberuf ist Autoelektriker.

Rohullah: Ich möchte gern ein Politiker sein. Aber nicht einer für Afghanistan oder Iran, sondern für die Welt. Egal, ob eine Familie aus Afrika kommt oder aus China. Jeder soll für sein Recht kämpfen können und dabei möchte ich ihm helfen. Mir ist egal, woher die kommen. Wenn jemand Probleme oder Schmerzen hat, dann möchte ich ihm helfen!

Rohullah, was würdest du gerne uns Deutschen sagen?

Rohullah: Den Deutschen, die uns helfen, möchte ich Dankeschön sagen. Den Deutschen, die gegen Ausländer sind, sag ich, dass sie schon Recht haben. Aber ich wäre nie so, wie diese Ausländer, da sollte man unterscheiden. Und ich würde sagen: Wenn einer in mein Land kommen würde, dann würde ich ihm helfen.

Vielen Dank euch für das Gespräch.

Die jungen Flüchtlinge, die vom Flattichhaus der Evangelischen Gesellschaft (eva) und der Stadt Stuttgart betreut werden, haben sich und ihren Alltag in Stuttgart fotografiert. Die Fotoausstellung „(Vor-)bildlich: Jung! Allein! Heimatlos?! Willkommen?“ veranschaulichte ausdrucksstark die Herausforderungen und Hoffnungen der Jugendlichen.

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