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Interview mit Timo Steiss und Tobias Frey

Interview mit Timo Steiss und Tobias Frey

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Fachkräfte Timo Steiss und Tobias Frey organisieren den wöchentlichen Spielenachmittag "GiGames" an der Stadtteilbibliothek Stuttgart-Ost. Jedes mal kommen zwischen 15 und 30 Jugendliche.

Alleine zocken ist out – ein Spielenachmittag in der Bibliothek

Ein Bericht vom Computerspielprojekt "Gigames" in der Stadtteilbibliothek Stuttgart-Ost

Für wenige Sekunden ist es wieder ruhig. Nur das leise Klicken der Tastaturen ist zu hören. Doch ein hoher spitzer Schrei unterbricht die akustische Verschnaufpause. "Ich hab ein heiliges Schwert gefunden! Ein heiliges Schwert!" jubelt der 10-jährige Serdal* (* Name von der Redaktion geändert) freudestrahlend. Wir befinden uns im Untergeschoss der Stadtteilbibliothek Stuttgart-Ost und sehen, wie sich knapp 10 Kinder einträchtig zum Computerspielen treffen. "GiGames" ist ein bemerkenswertes medienpädagogisches Projekt und wir wollen daher von den Initiatoren Tobias Frey, Leiter der Stadtteilbibliothek Stuttgart Ost, und Timo Steiss, Medienpädagoge der Stuttgarter Jugendhaus gGmbH, mehr über das Spielen in der Bibliothek erfahren.

Die Initialzündung

Was war die Initialzündung für das Projekt?

Tobias Frey: Die Idee war schon da, bevor wir von den Projektmitteln aus dem Fonds "Zukunft der Jugend" gefördert wurden. Mit dem Internetführerschein hatten wir bereits ein Angebot für Kinder in unserem Lernstudio und mit dem "Computertreff" ein Angebot für Erwachsene. Da haben wir gemerkt, dass noch ein Angebot für Jugendliche fehlt. Wir überlegten, was wir Jugendlichen anbieten könnten. Diese brauchen keine Computereinführungskurse, sondern spielen gerne! Das Thema war nicht nur für uns als Stadtteilbibliothek Stuttgart-Ost interessant, sondern für das gesamte System der Stadtbücherei. Uns war wichtig, dass wir Konsolen und Computerspiele nicht kommentarlos einführen. Dem negativen Ruf, den das Medium umgibt, sollte ein positiver Aspekt entgegengesetzt werden. Ausgesuchte, pädagogisch wertvolle Spiele wie Management-, Geschicklichkeits-, Strategie- und Wirtschaftsspiele sollten bei „GiGames” im Mittelpunkt stehen und der Zielgruppe eine interessante Alternative zu den gängigen Gewaltspielen aufzeigen, wodurch v.a. logisches und strategisches Denken gefördert werden sollten. Wir wollten ein eigenes Projekt aufziehen, das parallel zu unserer Medienausleihe läuft. Das ergänzt sich wunderbar. Die Spiele, die wir für „GiGames“ anschaffen, kommen später in unseren normalen Ausleihbestand. Damit die Kinder die Geräte von „GiGames“ nutzen dürfen, müssen sie erstmal einen Internetführerschein in der Stadtbibliothek machen.

Und wie sieht das Projekt im Detail aus?

Timo Steiss: Seit fünf Jahren treffen wir uns fast jeden Dienstag, auch in den Ferien (Ausnahme Weihnachtsferien) durchgehend. Früher hatten wir von 15 bis 17 Uhr offen, vor einem Vierteljahr haben wir auf 16 bis 18 Uhr umgestellt, weil die Schülerinnen und Schüler meist erst später frei haben. In der ersten Stunde machen wir eine Vorstellung von neuen Spielen. In der zweiten Stunde ist dann Zeit zum freien Spielen. Die Kinder setzen sich an einen der 6 Windows-Computer oder einen der 6 Linux-Internet-Computer oder eine der drei Konsolen. Wir haben eine Wii, eine Playstation 2 (PS2) und eine Playstation 3 (PS3) in unserem Angebot. Die meisten spielen kontinuierlich über Monate oder sogar über Jahre an einem Spiel. Die müssen dann an "ihrem" Gerät sitzen um weiterzuspielen. Deswegen haben wir eine ganze Reihe von Geräten, die über längere Zeit reserviert werden.

Wer darf alles spielen?

Timo Steiss: Die Stadtteilbibliothek Stuttgart-Ost ging ursprünglich von einem Alter zwischen zehn und 14 Jahren aus, in der Realität kommen aber alle von acht bis 18 Jahren. Nach fünf Jahren Laufzeit haben wir natürlich auch Besucher die mittlerweile älter geworden sind und die wollen wir nicht abweisen. Deswegen haben wir in den Ferienwochen teilweise bis zu 30 Kinder und Jugendliche hier und der Raum platzt aus allen Nähten. Wenn eine Klassenarbeit ansteht, sind es auch mal nur zehn bis 15 Besucher. Wir sind von Woche zu Woche aufs Neue gespannt.

Die Regeln

Jüngere mit älteren Spielern zusammen – verträgt sich das?

Timo Steiss: Wir gestatten nur Spiele, die für alle im Raum angemessen sind. Das sind Spiele, die frei ab sechs sind oder, wenn es das Alter der Teilnehmer zulässt, frei ab zwölf Jahren. Die Besucher die seit dem letzten Jahr da sind, kennen sich alle untereinander. Streit hatten wir immer nur wegen einem Thema: wegen der Belegung der Konsolen. Das Thema kommt monatlich immer wieder, weswegen wir jetzt eine Liste führen. Jeder darf reservieren und einmal am Tag eine halbe Stunde spielen. Das ist notwendig, da wir mehr Nachfrage als Angebot haben. Da gibt es schon mal Enttäuschung wenn ein Jugendlicher seine Reservierung nicht nutzt und denkt er wäre das nächste Mal automatisch an der Reihe. Ansonsten habe ich aber keinen schlimmen Streit in Erinnerung.

Welche Regeln habt ihr aufgestellt?

Timo Steiss: Wir fangen überpünktlich um zehn vor 4 an und hören um fünf vor 6 auf, damit noch kurz aufgeräumt werden kann. Die Regeln besagen, dass die Jugendlichen an den Geräten nicht essen oder trinken dürfen. Das ist zum Schutz der Geräte gedacht.  Die Kinder wissen, dass sie mit den Geräten und der Einrichtung sorgsam umgehen müssen. Wir haben die Regel, dass im Raum ein freundlicher Umgang herrschen soll. D. h. es gibt auch bei Kraftausdrücken eine Verwarnung. Die gibt es auch bei Beleidigungen oder Bedrohungen, was aber recht selten vorkommt. Nur Kraftausdrücke  muss ich öfters mal anmahnen. An richtig verbale Gewalt kann ich mich in den fünf Jahren nicht erinnern.

Wie sind die Internetzugänge an den Rechnern eingestellt?

Timo Steiss: Sämtliche Benutzer-PCs der Stadtbibliothek Stuttgart machen vom BelWü-Kinder- und Jugendschutzfilter Gebrauch.  Dabei handelt es sich um ein Angebot des Landes zum sicheren Zugang von öffentlichen Einrichtungen, das u.a. auch an Schulen eingesetzt wird. Hinzu kommt, dass es sich bei den „GiGames“ um ein betreutes Angebot handelt. Wir achten darauf, dass nur Spiele  gespielt werden, die auch kindgerecht sind. Anfangs wollten einige Teilnehmer auf Facebook, weil es auch dort Spiele gibt. Dies haben wir untersagt, weil Facebook zum einen aus datenschutzrechtlicher Sicht problematisch ist, zum anderen aber auch, weil das Gaming nicht zur Nebensache werden soll.

Der medienpädagogische Handlungsspielraum

Welche medienerzieherischen Möglichkeiten bietet so ein Projekt wie "GiGames"?

Timo Steiss: Wir beziehen eindeutig Stellung gegen alle Spiele, in denen Waffen oder Gewalt verherrlicht oder positiv dargestellt werden. Zu unseren erzieherischen Mitteln gehört es, Spiele vorzustellen und einen freundschaftlichen, sozialen Umgang miteinander zu pflegen und zu fördern. Wir treten nicht als Lehrer auf, sondern lassen uns duzen und reden auch über Themen abseits des Gamings, die die Zielgruppe beschäftigen. Wir versuchen eine Beziehung zu den Jugendlichen zu entwickeln und Vorbild zu sein. Wir nutzen unseren Einfluss, um bestimmte Titel wie Strategie- und Geschicklichkeitsspiele vorzustellen, aber keine Shooter wie Counterstrike oder ähnliches. Ein weit wichtigeres Element ist, dass wir konstant mit den Kindern im Gespräch sind. Durch diesen offenen und vertrauensvollen Umgang  wird man in das Spielerlebnis integriert und wird permanent zurate gezogen oder bekommt von den Kindern gezeigt, was sie gerade machen. Das wichtigste medienpädagogische Werkzeug ist, dass ich kommentiere, wenn ich etwas nicht "schön" finde. Es gibt auch in harmloseren Spielen Situationen, in denen sich ein Jugendlicher damit brüstet, jemanden "platt gemacht" zu haben. Je nach Alter und Charakter der Äußerung, weise ich gewaltverherrlichende oder plumpe Kommentare zurück und betone andere Werte wie beispielsweise einen respektvollen Umgang miteinander. Wir haben ein paar Spieler, die aus allem einen "Wettkampf" oder eine "Schlacht" machen und schwächere Spieler „an die Wand spielen". Dann haben wir aber auch ruhige Spieler, die nie gehört werden und nur für sich spielen. Darauf gehen wir ein, indem wir Gruppendynamiken ausgleichen, Gruppen bilden oder Einzelgänger zu Teamplayern machen.

Wie geht ihr auf zwanghaftes oder suchtartiges Spielverhalten ein?

Timo Steiss: Suchtartiges Spielverhalten können wir so gut wie nicht erkennen, denn die meisten Besucher haben zuhause kein eignes Gerät außer ihr Handy. Eine eigene Playstation oder Computer haben nur die wenigsten, deshalb haben auch die allerwenigsten ein Problem mit Spielsucht. Sie kommen her, um zu spielen und weil sie in der Gruppe den Spaß und das soziale Miteinander genießen wollen. Wir glauben, dass  Spielsüchtige einen ganz anderen Anspruch ans Gaming haben. Außerdem kommen dabei ganz andere Spieltitel zum Einsatz, die nicht nur einmal die Woche, sondern permanent weitergespielt werden. Mit einem Angebot wie „GiGames“ erreicht man diese sicher nicht.

Die Reaktionen

Welche Gemeinsamkeiten haben die Kinder, die zu "GiGames" kommen?

Timo Steiss: Ein Großteil – etwa 70 bis 80 Prozent – hat einen Migrationshintergrund. Die meisten haben eine gewisse Affinität zu Sport, so sind z.B. viele Fußballbegeisterte dabei. Unsere beliebtesten Spiele sind Fußball oder Kart-Rennen. Die meisten haben eine untere bis mittlere Schulbildung. Die wenigsten sind "auffällig" oder "hyperaktiv".

Was kommt von den Kindern und den Eltern an Reaktionen zurück?

Timo Steiss: Das wichtigste und deutlichste Feedback für uns ist, dass sie weiter zu uns kommen und sich hier offenbar wohlfühlen. Das heißt, dass sie übers Jahr hinweg nie länger als eine Woche oder zwei fehlen. Das zeigt uns, dass wir für sie eine wichtige Anlaufstelle in ihrem Leben geworden sind und dass die Spielgruppe für sie eine starke Anziehungskraft hat. Anfangs war unsere Sorge, dass wir wegen des pädagogischen Rahmens als spießig oder langweilig gelten und so einige Spieler vergraulen. Das kam aber nie vor. Das ist ein gutes Feedback. Mit Eltern haben wir nur punktuell zu tun. Vor ein bis zwei Jahren kamen auch verstärkt Eltern, die zuschauen wollten. Wir haben aber gemerkt, dass das den Kindern gar nicht gefallen hat. Deswegen versuchen wir Angebote zu machen, bei denen Eltern sich mal anschauen können, was hier geschieht, aber nicht dauernd dabei sind.

Tobias Frey: Positive Reaktionen gab es auch in der Presse und anderweitigen Berichterstattungen, wie z. B. studentischen Arbeiten. Wir waren darüber überrascht, denn anfangs dachten wir, dass ein Computerspielnachmittag nichts Besonderes sei. Das Angebot ist aber wohl weiterhin ziemlich einzigartig.

Kommt es dadurch, dass es in einer Bücherei stattfindet zu Synergieeffekten?

Tobias Frey: Viele von den Kindern leihen auch Bücher aus. Oder sie nutzen die normalen PCs für die Besucher. Die Bibliothek als solche wird schon genutzt, sei es als Aufenthaltsraum oder anderweitig. Es hat durch das Computerspielangebot einfach mehr Jugendhaus-Charakter. Es wird an den Computerspiel-Tagen belebter und lauter. Das ist ja auch normal, wenn auf einmal 20 Kinder  mehr die Bibliothek nutzen.

Im Gespräch mit den Kindern

Wieviel bekommt ihr über die Kinder selber mit?

Timo Steiss: Spannend ist, wenn man mit einem Kind über ein Computerspiel redet und merkt, dass man über das Gespräch auf Themen kommt, die das Kind beschäftigen. Ich habe da bereits ein bis zwei krasse Situationen erlebt, bei denen ich schlucken musste. Manche Kinder nutzen ja das Computerspielen als Ventil und sind dann froh darüber, dass man mit ihnen darüber ins Gespräch kommt. Ein Thema, was in den letzten fünf Jahren zugenommen hat, sind die langen Schultage. Dadurch werden viele Kinder immer unruhiger und wollen sich auch mal austoben. Deswegen wird es teilweise richtig laut, wenn sie z. B. ein Kart-Rennen fahren oder ein Fußball-Turnier spielen. Dann stehen sie teils zu siebt vor einem Bildschirm und schreien als wären sie im Stadion. Je mehr sie tagsüber in der Schule sitzen müssen, umso mehr nehmen die Unruhe und Impulsivität zu. Wenn wir hier gewalttätigere Spiele hätten, würden wir auch eher spüren, dass die Kinder psychischen Druck abreagieren und Wut im Bauch haben. Durch ihren Migrationshintergrund erleben die Kinder viel häufiger als andere frustrierende Momente in der Schule. Die Jugendlichen müssen da einiges an Frust schlucken. Wir erleben hier aber nur die Kraft, die Dynamik und die Euphorie im Spiel.

Bei einigen kommt es vor, wie vorhin angesprochen, dass sie jedes Spiel zum Wettkampf machen. Das kann ebenso daran liegen, dass sie in der Schule nicht so zur Geltung kommen. Zwei unserer besten Spieler sind in der Schule eher schlecht. Einer – ein exzellenter Racing-Gamer – ist sogar sitzen geblieben. Bei den „GiGames“ bot sich ihm nun die Möglichkeit, ebenfalls Erfolge zu erleben und dadurch Anerkennung zu ernten.  Ein anderes Kind wurde nur von einem Elternteil erzogen und hatte zu dem anderen Elternteil gar keinen Kontakt mehr. Dieses Kind verbrachte seine Zeit den ganzen Tag von morgens bis abends alleine, ohne elterliche Betreuung. Ich habe das Kind als leise, schüchtern und latent aggressiv erlebt. Mal mit Tränen und Verzweiflung, dann wieder normal und leise. Ich habe da kurzzeitig überlegt, ob man was unternehmen muss. Ich glaube hier kommt man eher an solche Themen ran, als in der Schule, weil wir noch eine vertrauensvollere Ebene mit den Jugendlichen haben als die Lehrer. Aber nur dann, wenn wir mit ihnen eine längere Zeit arbeiten und eine Vertrauensbasis schaffen. Allerdings: Nur die Hälfe der Besucher – etwa 12 bis 15 Spieler – sind Stammbesucher, zu denen man ein solches Vertrauensverhältnis aufbauen kann.

Die Spiele

Welche Spiele sind gerade angesagt bei euch?

Timo Steiss: Unsere beliebtesten Spiele sind teilweise richtig alt. Richtig beliebt war zeitweise der GRID Racer. MarioKart, obwohl ein alter Hut, war der Wahnsinn. FIFA ist der absolute Renner. Im Rahmen der JungenMedienJury haben wir FIFA World Cup Brazil gehabt, was ebenfalls fantastisch ankam. Wenn wir eine ältere Gruppe haben, lassen wir Ratchet und Clank zu. Das ist auch sehr beliebt. Bei den Internet-PCs spielt die Hälfte aller Spielerinnen und Spieler irgendein Game auf Flashgames, Spielaffe oder spielspiele.de. Da gibt es zahllose Spiele, die ich alle gar nicht kenne. Und wir dürfen Singstar nicht vergessen, denn die Mädchen singen gerne bei uns. Sehr zum Leidwesen der Jungs und des Personals.

Braucht ihr professionelles Gesangscoaching?

Tobias Frey: Nein, wir brauchen Ohropax! Singstar macht nur Spass, wenn es laut ist und dann läuft da nichts anderes mehr. Das Schöne ist, dass die Mädchen zwei Stunden lang das gleiche Lied singen, weil sie üben wollen. Das sind die wirklich harten Momente bei der Arbeit! Es gibt aber noch weitere Spiele-Highlights: Die Sims oder World of Goo. Das ist ein Physik-Knobel-Strategiespiel, bei dem man mit Schleimbällen Gerüste bauen muss, an denen man sich entlang bewegen muss, ohne dass sie zusammenstürzen. Die Gerüste verhalten sich physikalisch-realistisch, deswegen ist das mega-spannend. Das ist auch sehr witzig, wegen den tollen Sound-Effekten.

Jungs und Mädchen

Wie unterscheiden sich die Präferenzen zwischen Jungen und Mädchen?

Timo Steiss: Bei Jungs sind die klaren Präferenzen Fußball und Racing. Die gewünschte Tendenz – Gewaltspiele – lassen wir nicht zu. Jeder Junge – egal ob acht oder 18 hat mir schon erzählt, dass er GTA (Abkürzung für "Grand Theft Auto", der Name eines gewaltverherrlichenden Spieles, Anm. d. Red.) gespielt hat. Ich finde GTA und die Werte, die es transportiert, nicht gut. Es gibt einen Grund, warum dieses Spiel eine so hohe Altersbeschränkung hat und die sollte definitiv nicht abgesenkt werden. Dennoch ist es ein gutes Medienprodukt. Aber für Erwachsene!

Bei den Mädchen stehen wie gesagt Singstar, aber auch Simulationen wie die Sims im Mittelpunkt. Es gibt also klare Unterschiede, hin und wieder aber auch Widersprüche. Wir haben zum Beispiel einen Besucher, der seit drei Jahren kommt und Stardoll spielt. Hier kann man einen weiblichen Avatar schminken und kleiden. Das ist das einzige Spiel, das er spielt, deswegen machen sich andere manchmal über ihn lustig. Das lassen wir natürlich nicht zu, sondern sorgen für einen toleranten Umgang miteinander, aber wir spüren auch, wie befremdlich das für andere Teilnehmer sein kann.

Tipps für Eltern

Welche Tipps könnt ihr Eltern geben, wie sie zuhause mit Spielen umgehen sollten?

Timo Steiss: Eine pauschale Antwort ist schwierig. Wir kooperieren regelmäßig mit der Aktion Jugendschutz (ajs) und bieten Fortbildungen für Eltern an. Wir haben uns angewöhnt, keine pauschalen Empfehlungen mehr zu geben. Entgegen der öffentlichen Meinung, würde ich als Elternteil nicht alle Spiele, die ich schwierig finde, kategorisch verbieten. Die Kinder spielen das Spiel dann einfach woanders, wenn sie unbeobachtet sind, z. B. beim großen Bruder oder bei Kumpels. Stattdessen sollten sich Eltern überlegen, ob sie ein Spiel, das noch ein bis zwei Jahre von der USK entfernt ist, trotzdem in Erwägung ziehen, um es dann mit dem Kind gemeinsam erleben zu können. Sie haben dann eher die Möglichkeit das Spiel zu kommentieren und mit dem Kind über Inhalte zu sprechen.

Die häufigste Frage besorgter Eltern ist die nach der Spieldauer. Ob ihr Kind zu viel spielt, kann man aber auch nicht pauschal beantworten. Ein Kind spielt mit Sicherheit dann zu viel, wenn es andere Erfordernisse, wie Schule oder Verein nicht mehr bewältigen kann. Wenn es in einem bestimmten Bereich stark abbaut, soziale Kontakte fehlen oder sich ein Leidenseffekt zeigt, dann sollte man reagieren. Wir haben bei uns im Stuttgarter Jugendhaus Spieler, die jeden Tag ein bis zwei Stunden spielen und ich finde das nicht zu viel. Zum Ausgleich kicken sie nämlich auch jeden Tag ein bis zwei Stunden und bekommen ihre Ausbildung gut hin. Dann ist das undramatisch. Dann gibt es aber auch Spieler, die jeden Tag eine Stunde vor dem Fernseher, eine Stunde vor dem Handy, eine Stunde vor dem PC usw. verbringen und dann finde ich eine Stunde täglich in der Summe zu viel. Aber das Abwägen ist schwierig. Wir empfehlen: Lieber mehr Verständnis und Interesse zeigen und nicht mit zu harter Hand durchgreifen. Computerspiele sind genauso Medien wie Bücher, Fernseher oder eine CD. Niemand würde sich Gedanken darüber machen, wenn ein Kind am Tag eine Stunde CDs hört oder liest.

Welche Kaufempfehlungen für Spiele könnt ihr Eltern zu Weihnachten geben?

Tobias Frey: Eltern sollten aufpassen, dass sie nicht am Geschmack ihrer Kinder vorbeikaufen. Ich würde vorher mit dem Kind darüber sprechen, was es gerne hätte. Wenn es die USK zulässt, würde ich in die gewünschte Richtung gehen und nicht versuchen, stattdessen ein pädagogisch wertvolles Spiel zu schenken. Es soll ja Spaß machen. Es ist ja ein Spiel und kein Erziehungsinstrument. Sollten dennoch Bedenken bei einigen Titeln bestehen, ist es mit Sicherheit sinnvoller, das Kind beim Spielerlebnis zu begleiten und das Gespräch darüber zu suchen, als das Kind allein vor dem Gerät sitzen zu lassen.

Timo Steiss: Den Geschmack treffen ist wichtig. Viele Serious Games, bei denen das Lernerlebnis im Mittelpunkt steht, sind für Kinder dermaßen abstoßend, dass es nichts bringt. Computerspiele sind Medienprodukte wie Filme auch. Das hat viel mit Interaktion, aber auch mit Genuss zu tun. Die Aufmachung, beispielsweise durch Musik und Grafik, spielt hier eine wichtige Rolle. Eltern können bei empfohlenen Spielen genauso bedenkenlos zugreifen wie bei Büchern oder Filmen.

Interessierte Kinder und Jugendliche können jederzeit bei GiGames einsteigen. Einzige Voraussetzung der Erwerb des "Computerführerscheins". GiGames öffnet jeden Dienstag von 16 bis 18 Uhr und findet im Lernstudio der Stadtteilbibliothek Stuttgart-Ost statt.

Adresse

Stadtteilbibliothek Ost
Schönbühlstr. 88
70188 Stuttgart

Medienpädagogische Beratungsstelle

Wenn Sie weitere Fragen zum Thema "Computerspiele" haben, rufen Sie die medienpädagogische Beratungsstelle an:
(0711) 2850-777
beratungsstelle@lmz-bw.de

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