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Interview mit Thorsten Belzer

„Ihr dürft die Gruppe verlassen“ – Thorsten Belzer im Interview zu WhatsApp

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Fachkräfte Thorsten Belzer ist Medienpädagoge, Medienkünstler und als Referent für das Kindermedienland unterwegs Wir haben ihn zum Thema WhatsApp interviewt.

WhatsApp und Jugendliche: eine Einführung

Was ist überhaupt WhatsApp? Und was fasziniert die Kinder an WhatsApp?

WhatsApp ist ein Nachrichtenwerkzeug, das die Nachrichten über das Internet verschickt. Eine SMS wird über den Handy-Dienstleister verschickt. Das läuft von Handy zu Handy. Die Nachricht bei WhatsApp aber wird über eine mobile oder über eine WLAN-Verbindung verschickt, dann über den Server der Firma.

Die Faszination zeigt sich in den Gesprächen darüber, dass die Gruppenfunktion von WhatsApp das „Hammer-Werkzeug“ ist. Die SMS bietet einfach nur die direkte Kommunikation. Man konnte zwar auch an Person 1, 2 und 3 eine Nachricht schicken. Nur: Wenn die Person zurückschreibt, sieht das nur der Sender. Und bei den Gruppennachrichten von WhatsApp hat man eine Gruppe mit zwei bis vier guten Freunden oder eine Gruppe für die Klasse. Es ist fast schon Standard, dass es eine Klassen-Gruppe gibt, vielleicht auch für den Sportverein etc. Das Spannende daran ist: Man schreibt irgendwas in die Gruppe rein, und es antwortet immer irgendjemand.

Das hebt ein bisschen das Gefühl des Alleine-Seins auf.

Egal wo die Leute gerade sind, sie schreiben irgendwas, es liest irgendjemand, und es antwortet auch irgendjemand – innerhalb von zwei Minuten. Das beantwortet oft Fragen wie „Was haben wir denn in Mathe auf?“. Reinschreiben – und zehn Sekunden später gibt es die Antwort.

Ab welchem Alter sieht man Jugendliche mit WhatsApp oder vergleichbaren Tools kommunizieren?

Das geht in der 5. Klasse los. Dieses Jahr habe ich in den Kursen ungefähr eine Zahl von 3 bis 15 Kindern mit Smartphone in einer 5. Klasse. Die Smartphone-Verbreitung ist von Januar bis Oktober angestiegen, d. h. man kommt in eine Klasse und es gibt bereits ein oder zwei Kinder, die ein Smartphone haben, weil der Papa oder die Mama das alte iPhone ausgemustert haben. Und die zweite Steigerung ist dann hoch bis in die 8. Klasse, wo ich fast schon von einer Vollabdeckung mit Smartphones sprechen kann. Das bedeutet aber nicht eine Vollabdeckung mit mobilem Internet; es ist ein Unterschied, ob ich ein Smartphone übers WLAN benutzen kann oder auch an der Bushaltestelle.

Es sieht so aus, als ob Facebook langsam out ist unter Jugendlichen. Was sind die neuen Stars unter den Kommunikations-Apps?

Zum einen ist das Viber (ein weitere App zum Chatten; Anmerkung der Red.), es scheint ein ähnliches Tool wie WhatsApp zu sein.

Dann ist es auch immer wieder interessant, dass auch Skype als Videotelefonie-Werkzeug genannt wird, um z. B. zusammen die Hausaufgaben zu machen. Das hört sich auf den ersten Blick produktiv und spannend an, aber da berichten die Schüler auch immer wieder, dass sich alles in die Länge zieht und dass man über andere Sachen quatscht. Sie versuchen, einen produktiven Weg zu finden, zusammen die Hausaufgaben zu machen und sind dabei auszuprobieren, was funktioniert.

Mobbing per Smartphone und Kettenbriefe

Hast du was über das Thema Mobbing auf WhatsApp gehört?

Das ist eine sehr kitzlige Sache – dieses Wort und diese Definition dazu, weil das extrem schwerwiegende Situationen sind für die ganze Gruppe, die an so einem Mobbing-Prozess beteiligt ist. Egal, ob das jetzt direkt in der Gruppe, in der Klasse abläuft oder über das Internet.

Aber in meinen Kursen stellt sich bei den Kindern extrem die Frage nach den Kettenbriefen, die kursieren. Denn die nehmen die Kinder mehr oder weniger ernst. In dem Kettenbrieftext steht „Schicke diesen Kettenbrief weiter oder du wirst heute Nacht noch sterben. Wenn du ihn weiterschickst, bekommst du am 24. Dezember ein tolles Geschenk.“ Wann haben wir denn die ersten Erfahrungen mit Kettenbriefen gemacht, und wie sind wir damit umgegangen? Wie geht man damit um, wenn an einem Tag zehn Kettenbriefe von so einer Qualität kommen? Die Kettenbriefe beschränken sich nicht nur auf Texte, sondern auch auf Audio: Entweder eine Computerstimme oder eine Person liest solche Sachen vor.

Die Kettenbriefe werden von den Jugendlichen als Kettenbriefe erkannt. Manche sagen dann auch: „Ich habe in der Gruppe gesagt, bitte keinen mehr reinstellen.“ Aber das ist ja keine Regel, die die Gruppe ausgemacht hat, sondern eine Person, die genervt war.

Auffällig ist, dass viele Kettenbriefe abends um 22.30 Uhr bei den Jugendlichen ankommen. Also dann, wenn die Leute allein im Zimmer sind, bevor sie schlafen gehen.

Dann verschicken sie selbst nochmal total viel. Obwohl sie wissen, dass das ein Kettenbrief ist – wie bei einem Horrorfilm, da wissen sie auch, dass das ein Horrorfilm ist – beschäftigt sie das immer weiter. Diese Beschäftigung tragen sie dann in den Schlaf rein. Das sind kleine Einstiegssachen, die man erfährt. Das hat noch lange nichts mit Mobbing zu tun, die belasten aber einfach und bringen Kinder zum Nachdenken. Sie haben in diesem Moment keine Bezugsperson, um darüber zu reden, weil sie gerade im Bett liegen.

Wie schafft man es, als Erziehende oder als Lehrkraft den Kindern beizubringen, Nein zu sagen bzw. sich wehren zu können?

Dazu stehe ich gerne im Klassensaal auf, laufe an den Lichtschalter und sage: "Dieser Schalter ist sehr wertvoll. Er macht Licht an und er macht Licht aus." Das ist ein Hardware-Schalter. Früher war es der berühmte rote Knopf am Fernseher. Beim Smartphone sage ich konkret: „Personen, die ich nicht mag, werden blockiert oder aus der Kontaktliste geschmissen.“ Die Schüler wissen eigentlich auch, wo das ist. Sie brauchen nur jemanden, der ihnen mal sagt:

„Das darfst du auch. Man darf Leute blockieren. Das ist okay.“

Die zweite Sache ist, ihnen zu sagen: „Wenn du vor dem Schlafengehen öfter so Sachen kriegst, dann mach für dich die Regel, dass du vor dem Zähneputzen oder vor dem Abendessen das mobile Internet, das WLAN oder das Smartphone ganz ausschaltest“. Das befreit von der Entscheidung, das jetzt zu lesen oder nicht. Auch als Erwachsener schafft man es nicht zu sagen: „Oh, da kommt ein Kettenbrief in der Gruppe, und ich muss das jetzt nicht lesen.“ Wenn man ehrlich ist – viele gucken sofort aufs Handy, wenn es einen Ton von sich gibt. Die Hardware-Schalter einsetzen zu lernen, ist eine wichtige Information, genauso wie zu erkennen, dass es schwierig ist, nicht auf das Smartphone zu gucken. Also muss man lernen, eine Stufe zurück zu gehen und das Gerät einfach auszuschalten.

Und auch bei den Eltern anfangen!

Richtig, genau! Eltern müssen darüber reflektieren, wie ihre eigene Smartphone-Nutzung ist und den Umgang mit dem Gerät auch lernen. Das ist eine wichtige Sache: Wie gehe ich in der Familie damit um? Wird da noch vor dem Zu-Bett-Gehen Facebook gecheckt? Werden noch vor dem Schlafengehen Arbeits-Mails gelesen? Und ich höre auch viel im Freundeskreis, dass der erste Blick morgens nach dem Aufstehen zum Smartphone geht, noch bevor man dem Partner guten Morgen gesagt hat. Da sollte man selbst überlegen, wie man damit umgeht – in der Familie, in der Gesellschaft. Dieses Starren aufs Handy, während man mit Leuten zusammensitzt, sieht man überall.

Deine Ratschläge „Ausschalten und Blockieren“ klingen sympathischer als das typische „Rede mit deinem Lehrer oder gehe zur Polizei“. Was kann man aber machen, wenn es eskaliert?

Wenn es eskaliert, dann muss da schon Hilfe von Erwachsenen kommen. Das erste ist aber, die Kompetenz und die Stärke in die Gruppe hineinzugeben: „Ihr dürft Nein sagen. Ihr dürft ausschalten. Ihr dürft die Gruppe verlassen.“ Man kann die WhatsApp-Gruppe ja einfach selbstverantwortlich verlassen. Und es ist letztendlich so, dass Gruppen – egal ob für den Sportverein oder etwas anderes –sehr verantwortlich genutzt werden. Negative Erfahrungen sind bei jüngeren Leuten eher präsent, weil sie von den Erwachsenen nicht die nötige Hilfestellung kriegen, was sie Produktives machen können, wenn es richtig eskaliert.

Und der Datenschutz?

Was kannst du Eltern raten, wie sie generell mit dem Thema Smartphone oder einer App wie WhatsApp umgehen sollen? Man schenkt das zu Weihnachten, man macht einen Vertrag, aber damit ist wahrscheinlich noch nicht alles getan.

Warum sich nicht ein bisschen mehr mit dem Kauf eines Smartphones beschäftigen? Und wenn es dann da ist, auch mehr an Elternabenden darüber sprechen, um zu überlegen, wie man damit umgeht. Andererseits sind bei Elternabenden auch nie alle da, sondern immer nur die üblichen Verdächtigen. Dann muss man Regeln aushandeln. Es gibt auch ein tolles Video, wie man Regeln zum Smartphone aushandeln kann. Nur ist es schwierig, als Eltern Regeln auszuhandeln, wenn man für sich selbst noch keine aufgestellt hat.

Eine letzte Frage: Thema Datenschutz. Man hört, dass eine App wie WhatsApp sehr fies mit Daten umgeht. Man weiß nicht, wo diese ganzen Telefonbuch-Daten landen. Ist das auch ein Thema in deinen Workshops? Wenn ja, wie kommt das Thema Datenschutz so bei den Kindern an?

Ich würde das Thema gerne zweiteilen: Es ist gerade im Moment schwer zu erfassen in Zeiten von NSA und Prism-Skandalen, und Edward Snowden soll Asyl bekommen oder nicht. Das ist ja für Erwachsene unglaublich schwer zu überblicken. Was Firmen oder Geheimdienste mit gehackten Daten machen – da möchte ich, dass die Politik endlich rangeht und Regeln erstellt. Das kann ein normaler Bürger nicht überblicken und auch nicht wirklich regeln. Wenn dann der Innenminister empfiehlt, dass wir die E-Mails doch verschlüsseln sollen, ist das zwar ein sehr wichtiger Rat. Aber leider hat ein normaler Bürger diese technische Kompetenz gar nicht. Stattdessen ist es meiner Meinung nach Aufgabe des Innenministers, dafür zu sorgen, dass unsere Daten vor Firmen, Geheimdiensten und was auch immer geschützt werden. Die zweite Sache zielt direkt auf die Frage nach den Kindern und Jugendlichen ab.

Man sollte immer im Kopf behalten: Denk nach, bevor Du postest!

Man muss da total unterscheiden zwischen Bildern, Fotos, Texten, Links, die wir bewusst öffentlich machen und damit der Öffentlichkeit dauerhaft preisgeben im Internet und zwischen Daten, die gehackt werden. Denn eigentlich geht keiner davon aus, dass eine WhatsApp-Nachricht an den Arbeitgeber gelangt, weil man das Gefühl hat, dass diese Nachricht in irgendeinem geschlossenen Raum veröffentlicht wird – was aber nicht so ist: Die Nachrichten auf WhatsApp können von findigen Leuten auch mitgelesen werden.

Wenn ich aber ein Facebook-Bild poste, wenn ich auf einer Schul-Webseite bin, wenn ich im Sportverein auf einer Webseite bin, dann habe ich eine dauerhafte Öffentlichkeit. Und diese Sache kann zumindest jeder Erwachsene überblicken. Gern auch mit diesem Wissen im Hinterkopf, dass sehr wahrscheinlich jeder Erwachsene eine Schuhkiste auf dem Speicher stehen hat, mit Fotos von früher und Briefen von früher. Die ist aber auf dem Speicher, und da hat jeder die Macht darüber. Und wenn da die NSA kommt und diese Kiste hackt oder quasi in meinen Speicher eindringt, dann ist es Sache der Polizei, der staatlichen Stellen, mich davor zu schützen.

Constanze Kurz vom Chaos Computer Club sagt immer: „Die Umweltbewegung hatte Robben, die am Strand lagen und konnte so den Leuten glaubhaft machen, dass da in der Umweltpolitik was geschehen muss“. Stichwort digitale Gesellschaft, Urheberrechte im digitalen Zeitalter oder Datenschutz im Internet. Für viele die das entscheiden müssen, ist es einfach noch schwer zu erfassen, weil es keine Robben gibt, die irgendwo tot am Strand rumliegen.

Wir fassen zusammen: Für digitale Themen brauchen wir eine Art digitale Robbe. Ich bedanke mich bei dir für das Interview, Thorsten.

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