Baden-Württemberg Kindermedienland

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Interview mit Christa Rahner-Göhring (Teil 1)

Informationskompetenz vs. die Google-Blase: Teil 1 des Interviews mit Christa Rahner-Göhring

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Fachkräfte Infobrokerin Christa Rahner-Göhring arbeitet als Referentin des Kindermedienlandes. Ihr Steckenpferd ist das Thema Informationskompetenz.

Im Rahmen eines Elternabends des Eltern-Medienmentoren-Programmes hatten wir die Gelegenheit unsere Referentin Christa Rahner-Göhring zu interviewen. Als Referentin ist sie vor allem im Bereich der Erwachsenenbildung tätig und mittlerweile europaweit unterwegs – von der Evangelischen Kirche in Kassel bis hin zur Deutschen Schule in Mailand. Daneben arbeitet sie als Infobrokerin. Mehr über diese Tätigkeit und über die besorgniserregenden Entwicklungen rund um Google, Facebook und Co berichtet sie uns im ersten Teil des Interviews.

Historisches und die Arbeit als Infobrokerin

Frau Rahner-Göhring, sind sie gebürtige Schwäbin?

Nein, ich bin in Rastatt geboren, aufgewachsen in Rheinland-Pfalz in Wörth am Rhein, also eine "'Nei'gschmeckte". Ich lebe aber seit fast 40 Jahren im Schwabenland, weil mich das das Studium und dann die Liebe hier gehalten haben.

Auch Ihre Söhne sind – wie man hier lesen kann – IT-Begeisterte. Wer hat da wen angestiftet?

Ich gehöre zu der Generation, die als erste ihre Diplom-Arbeit mit einem PC geschrieben hat – mit einem Alphatronic-PC, einem Typenrad-Drucker und einem selbstgeschneiderten Textverarbeitungs-Programm. Das war 1983, als andere Studenten noch mit Lochkarten gearbeitet haben. Das scheint nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen zu sein. Mein ältester Sohn hatte im Grundschulalter ausrangierte PCs von Klassenkameraden gesammelt und damit rumgespielt. Das scheint bei ihm im Blut zu liegen. Damit musste ich auch in irgendeiner Form umgehen.

Mal einen ganz großen Sprung in der Zeit nach vorne. Sie sind neben ihrer Tätigkeit als medienpädagogische Referentin als Infobrokerin tätig. Was genau tun Sie da?

Infobroker sind in der freien Wirtschaft Zulieferer von Informationen, die im Netz, in freien oder kostenpflichtigen Datenbanken zur Verfügung stehen. Ich habe 2001 bei der Industrie- und Handelskammer eine Fortbildung zur Infobrokerin besucht. Da ging es darum, mithilfe von Retrieval-Sprache und den Funktionen des damaligen Internets Informationen zielgerichtet und schnell zu finden, zu aggregieren und als entscheidungstaugliche Vorlage zusammenzustellen.

Nach welchen Informationen müssen Sie für Ihre Kunden suchen?

Bei der letzten Recherche habe ich für einen Neurologen zur Vorbereitung eines Fachvortrags gearbeitet. Der Auftrag lautete, alle Seiten zum Thema Multiple Sklerose zu suchen, auf denen Menschen über das Thema diskutieren. Das war eine tolle Aufgabe, bei der Google nicht gereicht hat. Google ist sicherlich eine gute Suchmaschine, aber es gibt darüber hinaus eine Menge an Alternativen.

Wie äußert sich der Unterschied zwischen Google oder einer alternativen Suchmaschine?

Google kommt in sehr viele der Foren gar nicht rein, in denen Menschen miteinander diskutieren. Dazu gibt es andere Suchmaschinen wie z. B. socialmention.com. Das ist eine Suchmaschine, die ausschließlich Soziale Netzwerke durchsucht und Treffer findet, bei denen persönliche subjektive Meinungen eine Rolle spielen. Oder man geht in Datenbanken wie gutefrage oder wer-weiß-was oder Gesundheitsforen, die sich teilweise in registrierten Bereichen abspielen. Da kommt Google sowieso nicht ran. Mein Aufgabe als Infobrokerin besteht darin, die relevanten Datenquellen herauszufinden, anhand konkreter Fragestellungen die Information zu aggregieren und in der Form zu präsentieren, die der Kunde möchte. Ganz wichtig dabei ist die Informationskompetenz.

<i>Die Mehrheit und Frau Rahner-Göhring eingeschlossen nutzen ein Android-Handy – auch zum Googlen. "Deswegen müssen wir uns nicht wundern, wenn wir nach einem Staubsauger suchen und vier Wochen lang Staubsauger-Anzeigen bekommen." so die Kindermedienland-Referentin.</i>

Informationskompetenz und die Google-Blase

Was bedeutet für Sie Informationskompetenz?

Das ist zum einen die Kenntnis darüber, wie Suchmaschinen funktionieren und wie sie Informationen überhaupt präsentieren. Dabei merkt man, dass es keine Suchmaschine gibt, die neutral ist. Ich muss die Trefferlisten danach bewerten können, wie die jeweiligen Informationen dargestellt sind und welche Aussageabsicht die jeweilige Suchmaschine für mich hat. Die Treffer müssen auch auf Zuverlässigkeit überprüft werden, darauf wer der Herausgeber dieser Informationen ist und was er damit den Kunden sagen will. Beim gerade erwähnten Gesundheitsbeispiel ist eine Information von der Universitätsklinik sicherlich anders zu werten, als die von einem Pharmakonzern. Beim Pharmakonzern könnten nämlich bestimmte Informationen fehlen, da sie nicht in sein Verkaufskonzept reinpassen. Von der Universitätsklinik hingegen erwarte ich, dass sie sachlich und neutral informiert, im Umfang ihrer jeweiligen Behandlungsmöglichkeiten. Man muss sich aber immer fragen, ob es Alternativen gibt, die da noch nicht erfasst wurden. Wenn man ein Thema im Kontext erschließen möchte, kommt man relativ schnell auf logische Fragestellungen, die man bei jeder Recherche stellen muss.

Man muss auch zwischen objektiven und subjektiven Meinungsäußerungen unterscheiden, von Personen, die man nicht kennt.

Notfalls ist auch die Überprüfung einer Information mit mindestens einer unabhängigen Quelle nötig. Wenn da Abweichungen rauskommen, muss dann eine dritte Quelle herangezogen werden usw. Wenn man um eine gesicherte Information ringt, kommt man je nach Fragenkatalog vom Hundertsten ins Tausendste.

Der Otto-Normal-Verbraucher nutzt zu 99 Prozent Google. Findest du dieses Verhalten alarmierend bzw. gefährlich für unsere Gesellschaft?

Ja, das hat gewaltige Auswirkungen, weil Google seinen Algorithmus ständig auf die sogenannte Nutzerfreundlichkeit hin anpasst. Google ist ein gewinnorientiertes Unternehmen und hat die Erwartung, dass seine Nutzer auf die Anzeigen klicken. Dadurch verdient Google nämlich sein Geld. Um möglichst häufig angeklickt zu werden, muss Google die Bedürfnisse seiner Nutzer umso besser kennen. Mithilfe des Web-Protokolls eruiert Google anhand der IP-Adresse, welche Interessen der Nutzer des jeweiligen Rechners hat. Deswegen müssen wir uns nicht wundern, wenn wir nach einem Staubsauger suchen und vier Wochen lang Staubsauger-Anzeigen bekommen. Das ist natürlich verkürzt dargestellt, aber so läuft es leider.

Was bewirkt das Abwenden von Brockhaus und Co. hin zu Wikipedia und Google?

Wir verlassen uns leider zunehmend auf Google. Google hat dieses Jahr was gemacht, was die zukünftige Richtung aufzeigt. Immer mehr der von Google ohne Registrierung verfügbaren Dienste verschwinden zurzeit im registrierten Bereich, wo man sich persönlich anmelden muss. Somit kann Google besser herauszufinden, um wen es sich bei mir handelt und kann so Persönlichkeitsprofile erstellen. Es ist auch in der Literatur bei Fachleuten zu lesen, dass Google mit seinen Maßnahmen auf dem Wege ist, die Informationen, die wir sehen wollen, darzustellen und die wir nicht sehen wollen, auszublenden.

Das bedeutet, dass wir uns zunehmend in einer Blase bewegen, in der wir nur die erwarteten Informationen angeboten bekommen und die unangenehmen anderen Informationen nicht mehr sehen.

Wenn ich mich zum Beispiel nur auf Shopping-Portalen bewege, die Mode verkaufen, dann bekomme ich politische Informationen, wie über die schlechten Produktionsbedingungen in Bangladesch nicht mehr angezeigt. Die Information darüber ist zwar immer noch da, ich muss sie ganz gezielt suchen. Ich bekomme sie nicht mehr eingeblendet, so wie ich darüber in einer Tageszeitung lesen kann. Die Tageszeitung charakterisiert sich dadurch, dass ich sie nie ganz lese, aber mit meinen Augen über die Vielfalt der Themen hinwegscanne. Dabei werde ich über eine ansprechende Überschrift auch auf Themen aufmerksam, auf die ich selbst nicht gekommen wäre. Wenn ich aber nur über Google suche, kommt ja nur das, was ich sehen will. Wir bewegen uns also zunehmend in einer Informationsblase, bei der unser Informationsbedürfnis anhand des Algorithmus von Google gestillt wird. Zu den eben genannten Personalisierungs-Strategien, gehören auch die Empfehlungen von Freunden, wie bei Google+ dazu. Facebook hat das ja dieses Jahr bis zum Exzess betrieben, indem es bestimmte Nutzergruppen ausspioniert hat. Die einen haben nur positive, die anderen nur negative Meldungen angezeigt bekommen. Dann hat man daraus ausgewertet, wie sich die Leute daraufhin verhalten. Das geht eindeutig in Richtung Manipulation und das macht mir etwas Bauchschmerzen.

Elternabend in Remseck 2014
<i>Christa Rahner-Göhring stellt bei der Elternarbeit immer wieder mit Erschrecken fest, wie unbedacht viele Erwachsene mit den Angeboten des Suchmaschinen-Riesen Google umgehen.</i>

Kontrolle über eigene Daten – das Google-Dashboard gibt Anhaltspunkte

Aufgrund einer ihrer Empfehlungen habe ich über das Google-Dashboard festgestellt, dass alle meine Autofahrten mithilfe meines Android-Handys von Google geloggt wurden. Ich habe diese Funktion natürlich gleich ausgeschaltet. Darf ich davon ausgehen, dass das Google meine Bewegungen jetzt nicht mehr speichert?

Wenn Google sich regelkonform verhält, dann darf das Google jetzt auch nicht mehr speichern. In wie weit sich Google aber regelkonform verhält, darüber können nur die Mitarbeiter von Google selber eine Aussage treffen. Das Google-Dashboard kennen aber leider die wenigsten. Google hat ja das Android-Handy nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit erfunden. Jeder nutzt dieses Handy-Betriebssystem, mich eingeschlossen. So kann Google noch viel besser seine Persönlichkeitsprofile zusammenstellen, weil man beim Handy jeweils individuell angemeldet ist.

Wenn man seine Bewegungsmeldungen nicht abschaltet, wird man hierbei absolut gläsern.

Die einzelne Information ist relativ harmlos, hingegen ist die Aggregation dieser Daten über einen längeren Zeitraum hinweg definitiv verheerend. Dadurch sind Neigungsprofile erkennbar und wie wir wissen, reicht Google seine Informationen an die NSA weiter. Das lässt sich nicht unbedingt vermeiden. Wenn aber heute Google sagt, dass es diese Daten nicht anderweitig verwendet, welche Garantie habe ich, dass das in fünf Jahren auch noch so ist. Mir macht also das Sammeln und Speichern meiner Daten über einen längeren Zeitraum hinweg Bauchschmerzen. Und das alles bei einer einzigen Firma! Und wie es aussieht, konzentriert eine Großzahl von Usern ihr gesamtes Internetverhalten auf die Google-Produkte.

Was können Sie da als Referentin bei den Gästen ihrer Veranstaltungen beobachten?

In meinen Veranstaltungen als Referentin fällt mir auf, dass absolut keiner die Adresse einer Internetseite oben links in das Adressfeld des Browsers eingibt, sondern rechts in das Suchfeld von Google. Das heißt, dass wir eine Instanz dazwischenschalten, bevor wir was im Browser aufrufen. Das gehört für mich eindeutig zur Informationskompetenz hinzu, dass etwas was ich bereits weiß – in dem Fall die Adresse einer Seite – nicht noch Google wissen muss. Wir sollten auch das Thema Profilierung im Zusammenhang mit der Speicherung von Daten außerhalb von Europa sehr ernst nehmen. Wir haben zwar in Deutschland das härteste Datenschutzrecht überhaupt, international fehlt aber noch ein übergreifend verbindliches Recht, an das sich die Firmen halten müssen. Ich war jetzt im Sommer in Australien und habe dort bei meinem Neffen beobachtet, wie dort Schule funktioniert. Es ist dort ganz normal, dass jeder Schüler ein Android-Tablet hat, auf dem sämtliche Google-Programme laufen. Jeder Schüler hat zwangsweise eine Google-Mail-Adresse zur Erledigung von schulischen Aufgaben oder einen Google-Drive-Zugang. Dann habe ich gefragt, was sie über das Einschränken der Privatsphäre gelernt haben und ob sie wissen, wo ihre Daten alle liegen. Da kam zur Antwort, dass die darüber nicht aufgeklärt wurden.

Über ihre Erfahrungen als medienpädagogische Referentin wird Christa Rahner-Göhring im zweiten Teil unseres Interviews berichten. Dabei liefert sie Einblicke über den Kenntnisstand von Eltern und gibt Rat, wie Eltern zu medienkompetenten Begleitern ihrer Kinder werden können. Darüber hinaus erklärt sie, wie Jugendliche an das Thema Datenschutz herangeführt werden können und zu informationeller Selbstbestimmung angeleitet werden können.

Wie die Medienkompetenz Jugendlicher gefördert werden kann: Teil 2 des Interviews mit Christa Rahner-Göhring

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