Baden-Württemberg Kindermedienland

HERE GOES INVISIBLE HEADER

Interview mit Anna Maria Katz

fileadmin/_processed_/csm_LMZ_6191_960x540px_0ff61c07ed.jpg
Selfies Anna Maria Katz beschäftigte sich in der von ihr kuratierten Ausstellung "Me, my selfie and i" ausführlich mit dem Phänomen "Selfie".

"Der Gruppenzwang hinter den Selfies"

Kunsthistorikerin Anna Maria Katz über das Phänomen "Selfie"

Die Kunsthistorikerin Anna Maria Katz beschäftigt sich mit dem Phänomen "Selfie". Zusammen mit der Fotografin Delia Baum entstand Ende 2014 die Ausstellung „ME, MY SELFIE AND I“, die sich kritisch mit der Selfie-Kultur auseinandersetzte. Die Kunsthistorikerin sprach mit uns über ihre Erfahrungenen am Rande der CONMEDIA 2015 .

Wie war eure ursprüngliche Haltung gegenüber der Selfie-Kultur?

Die Künstlerin Delia Baum ist auf Facebook oder Twitter nicht registriert, weil sie sich bewusst von den Ansprüchen und Anforderungen der Selbstinszenierung auf sozialen Netzwerken abgrenzen will. Darüber wollten wir eine Ausstellung machen. Wir haben dann angefangen zu experimentieren und kamen am Schluss zum Thema Selfie als Massenphänomen und der Ausstellung „ME, MY SELFIE AND I“.

Wie seid ihr an die Bilder rangekommen?

Wir haben in sozialen Netzwerken nach Fotos gesucht, die öffentlich zugänglich sind und so viele Bilder aus dem Netz gezogen, wie wir finden konnten. Teil unseres Konzeptes war es aufzuzeigen, dass man mit den Bildern machen kann, was man will:Die Ausstellung hat sich so auch mit der rechtlichen Grauzone beschäftigt, die das Veröffentlichen der Bilder mit sich bringt. Daneben haben wir Freunde gebeten, uns Bilder zuzuschicken . Die Bilder die wir in der Recherchephase gefunden hatten, waren uns aber nicht genug. Wir wollten, dass sich die Besucher an diesem "Massenphänomen" beteiligen. Deswegen haben wir die Besucher der Ausstellung gebeten, mit einem Smartphone ein Selfie von sich zu machen. Ein Teilaspekt war nämlich, herauszufinden, ob Selbstdarstellung ein menschliches Bedürfnis ist oder sich heute vielmehr zum Gruppenzwang entwickelt hat. Ich hatte befürchtet, dass die Besucher keine Selfies von sich machen werden, da ich vermutete, dass sie nicht öffentlich dargestellt werden wollen. Die Besucher griffen aber trotzdem zur Kamera, machten ein Bild von sich und wurden selbst Teil einer öffentlichen Ausstellung. Dieser Effekt hat uns fasziniert.

Wie war die Ausstellung konzipiert?

Die ganzen Bilder wurden 9 mal 13 hochformatig auf Papier mit einem kleinen weißen Rand gedruckt. Diese analoge Darstellung, so wie man das von früher kennt, sollte die Verbindung von heute und gestern symbolisieren. Wir haben die Fotos flächig in einer Art Reihungsmuster an die Wand gehängt und am Schluss drei Ausstellungswände mit weit über tausend Fotos komplett tapeziert. Die Selfies von den Besuchern der Ausstellung wurden über einen Cloud-Server an einen Drucker geschickt, der sich im Ausstellungsraum befand, der sie unmittelbar darauf ausgedruckt hat. Gleichzeitig hat eine Praktikantin nach weiteren Selfies im Netz recherchiert und diese auch über den Drucker ausgedruckt. Das sollte zeigen, dass die Produktion von Selfies niemals endet. Die Ausdrucke fielen auf den Boden und die Besucher haben angefangen, die neuen Bilder gegen die an der Wand auszutauschen. Sie haben sich dann nochmals mit den Fotos im Hintergrund fotografiert, was zu einer stetigen Dopplung der Selbstdarstellung führte.

Was ist mit den Fotos im Nachhinein geschehen?

Wir haben die Fotos der Ausstellung bewusst nicht herrausgeben oder wiederverwendet. Die Verbreitung der Bilder sollte nicht weiter gefördert werden. Wir wollten lediglich darauf hinweisen, was alles im Netz rumschwirrt. Das klingt zwar wie eine moralisch-pädagogische Keule. Aus dem wissenschaftlichen Blinkwinkel war mir aber wichtig zu sehen, wie die Reaktionen darauf sind und ob die Besucher die Selbsdarstellung als Teil ihrer Kultur verstehen.

Welche Reaktionen haben die Bilder hervorgerufen?

Ich fand es schön, wie unterschiedlich die Reaktionen waren. Überraschend war, dass die meisten Besucher durch die provokativen Bilder und die daraus entstehenden Kommentare Zugang zu dem Thema gefunden haben. Interessant war auch, wie die verschiedenen Generationen auf die Ausstellung reagiert haben. Manche der älteren Besucher, wussten nicht einmal, was ein Selfie ist und waren teilweise geschockt.

Und wie waren eure eigenen Reaktionen?

Ich habe mich zurückgehalten und wollte im Rahmen der Ausstellung keine Kritik abgeben, da es für mich um eine wissenschaftliche Untersuchung ging. Unser Anliegen war, dass man die Selfie-Kultur mal distanziert überdenkt. Wir wollten nicht nur zeigen, was man in so kurzer Zeit in sozialen Netzwerken finden kann, sondern auch was die Effekte und Auswirkungen solcher Fotos sind: unter anderem als Negativbeispiel Shitstorms, Ablehnung und Abgrenzung.

Gab es unter den Bildern auch welche, die euch positiv angesprochen haben?

Was mich als Kunsthistorikerin angesprochen hat, waren die "Arties" (= Art selfies). Die Kamera wird dabei so platziert, dass der Eindruck entsteht, ein Kunstwerk wie die Mona Lisa würde sich selbst fotografieren, wobei sie ja keine Person ist. Das bringt einen aber zum Nachdenken, warum gerade von Kunstwerken Selfies gemacht werden. Wenn von der Mona Lisa als bekannte Persönlichkeit ein Selfie gemacht wird, dann erklärt dies einiges: Bekannte Persönlichkeiten waren beim Trend zur Selbstinszenierung schon immer prägend. Insbesondere beim Selfie-Trend, der dann gerne kopiert wird. So zum Beispiel wenn Miley Cyrus bei einem Selfie mal wieder die Zunge rausstreckt.

Welche Typen von Selfies sind Euch begegnet?

Die meisten Selfies stammten aus den amerikanischen Netzwerken: Es gibt Seiten, die sich mit einer bestimmten Art von Selfies, wie dem Belfie oder dem Helfie beschäftigen. In dem Maße gibt es das in Deutschland noch nicht. Da merkt man einen krassen Unterschied. Wir überlegen uns daher, ob wir das Projekt nochmal mit deutschen Selfies als Kontrast machen sollten. In der Ausstellung konnte man viele kontroverse Fotografien sehen, wie zum Beispiel Nacktfotografien, die an die Grenzen der Privatsphäre gingen. Viele Bilder haben auch den würdevollen Umgang mit Menschen, mit der Umwelt oder mit sich selbst überschritten. Es gab Funeral-Selfies, auf denen Kinder Selfies mit einem im Hintergrund aufgebahrten Leichnam von sich gemacht haben. Die Kinder sind dabei nie traurig, sondern sie grinsen oder halten den Daumen hoch. Da erkennt man den Gruppenzwang, der auch hinter den Selfies stecken kann.

Welche Motive vermutest du noch hinter Selfies?

Körperkult und Schönheitsideale! Bei den amerikanischen Fotos sind ganz viele Bodybuilding-Aufnahmen zu sehen. Der Vorwurf, dass Selbstdarstellung gleich Narzissmus ist, ist längst bekannt. Die Frage für mich lautet aber, wie heute inszeniert wird oder wie privat und persönlich ein Foto sein kann, das öffentlich gestellt wird. Der große gemeinsame Nenner hinter den Fotos lautet für mich die "Suche nach Anerkennung".

Warum suchen die Menschen nach Anerkennung per Selfie und nicht über den Kegel-Club?

Weil man über den Kegel-Club nicht so viele Menschen erreichen kann, wie mit einem Selfie! Deswegen nährt man vermutlich in sozialen Netzwerken auch Freundschaften, die keine sind. Ich glaube die Ansprüche an die Qualität und Quantität der Anerkennung verändern sich. Die Möglichkeit, Fotos zu machen und sie zu verbreiten ist exponentiell gestiegen. Folglich steigt auch die Erwartung nach Anerkennung. Ist man einmal in diesem Kreislauf drin, dann macht man wie in einer Kettenreaktion weiter und will immer mehr Anerkennung. Außer man verspürt dann irgendwann eine Grenze. Zum Beispiel wenn man durch schlechte Kommentare über ein Foto zum Nachdenken angeregt wird.

Lässt uns die Masse an Selfies abstumpfen oder was macht das mit uns?

Die Frage ist, in welche Richtung wir abstumpfen. Stumpfen wir so ab, dass wir in Zukunft keine Selfies mehr machen werden? Ich kann das nicht bestätigen. Das Bedürfnis, sich selbst zu inszenieren, war schon immer da. Die Frage lautet doch, wie stark sich das äußert und in welchen Medien dann was verbreitet wird. Will ich das auf den sozialen Netzwerken verbreiten, oder nicht? Mach ich Selfies nur im Urlaub? Da findet jeder einzelne schon seinen Weg.

Die Medienpädagogen interessieren sich ja für die Risiken der Selbstinszenierung. Was fällt dir zum Thema "Risiken" ein?

"Risiken" ist nicht ganz so richtig ausgedrückt. Ich würde das als Kurzzeit- und Langzeit-Effekte bezeichnen. Letztere sind ja bislang noch nicht untersucht worden. Das Phänomen "Selfie" und die sozialen Netzwerke sind noch sehr jung. Die kurzzeitigen negativen Effekte sind bekannt: Der Suchtfaktor oder das Optimieren der Schönheit durch jegliche Maßnahmen, die vielleicht die Persönlichkeit verändern. Was Mobbing oder Shitstorms mit einem langfristig machen, wissen wir noch gar nicht! Das sind jedoch bislang die denkbar krassesten, negativen Effekte.

Wie könnte man Jugendlichen zeigen, dass es Sinn macht, Grenzen zu setzen?

Die Erziehungsberechtigten geben ein Wertesystem vor und weisen auf die Negativwirkungen hin. Ich glaube aber nicht, dass es alleine ausreicht, dass jemand von außen sagt "Pass auf, das könnte Folgen haben!". Jeder muss auch die Möglichkeit haben selbst auszuprobieren und seine eigenen Erfahrungen machen, um dann gegebenenfalls daraus zu lernen.

Footer